Königstour

Watzmann-Südspitze und Hohe Tauern

Watzmann-Südspitze

Den Donnerstag haben wir nur knapp überlebt. Der Wetterbericht hatte von „außergewöhnlichem Bergwetter“ mit „Fernsicht bis zum Anschlag“ gesprochen und wir – Rainer und ich – mussten arbeiten. Ich hielt es fast nicht aus, zumal sich das Wetter zum Wochenende hin und auch zum kurz darauf folgenden Feiertag verschlechtern sollte. Ausgerechnet. Doch gab es einen Hoffnungsschimmer – den Sonntag. Der versprach wiederum bestes Bergwetter, und den wollten wir am Schopfe packen.
Wir schwankten zwischen Hagengebirge und Watzmann und entschieden uns dann für letzteren, denn die Gelegenheit war günstig: Das Watzmannhaus war aufgrund von Umbaumaßnahmen schon geschlossen, so dass wohl nicht mit den üblichen Hundertschaften auf dem Grat zu rechnen war. Da sich das Wetter schon im Laufe des Samstags bessern sollte beschlossen wir, am Nachmittag zur Kühroint-Alm aufzusteigen und dort zu übernachten. Das würde uns für den Watzmann-Aufstieg am nächsten Tag ungefähr 800 Höhenmeter sparen und man will ja auch keine Minute Bergwetter verschenken.

Ich packte den Rucksack – diesmal nur mittlere Größe, vor solch einer Tour überlegt man schon genau, was man einpackt und was nicht. Was ich nicht einpackte, war die Stirnlampe, die vergaß ich.
Im Nachbarort lieh ich mir noch ein Klettersteigset vom Sportgeschäft, Hüftgurt habe ich selbst, der trug zwar noch deutliche Spuren vom Höhlenlehm, nunja. Voller Vorfreude sauste ich los und kam auch ganz gut durch, bis kurz vor Ramsau eine muntere Herde geschmückter Kühe die Fahrt bremste – Almabtrieb. Ah ja, daher also auch die vielen breitgefahrenen Haufen auf der Straße, über die ich mich schon ab der Schwarzbachwacht etwas gewundert hatte.

Almabtrieb bei Ramsau

Almabtrieb bei Ramsau

Nach einer Weile schaffte ich es, Kühe und Hirten zu überholen und fuhr weiter zum Parkplatz Wimbachbrücke, wo ich auf Rainer wartete – der ebenfalls hinter den Kühen feststeckte.

Wir ließen mein Auto dort und fuhren weiter zum Parkplatz Hammerstiel. Auf einem schönen kleinen Pfad stiegen wir den Grat des Schapbachriedels hinauf. An diesem Pfädchen gibt es einige sehr schöne Aussichtspunkte mit Watzmannblick, doch war der König der Berchtesgadener Berge ziemlich benebelt und ließ nicht viel von sich blicken.
Rainer hatte ein kleines „On-tour-Rätsel“ parat. Nach einer Kuriosität am Weg sollte ich Ausschau halten. Ich schaute den ganzen Weg entlang intensiv rechts und links. Mir fiel auf, wie viel mehr ich wahrnahm, als wenn ich ganz normal vor mich hin gegangen wäre. Man sollte öfters solch kleine Rätsel dabei haben…
Dieses Rätsels Lösung lag an einem der Aussichtspunkte: Ein Holzkasten hing an einem Baum neben einer Bank, darauf stand „Rast-Kastl“. Gefüllt war es mit einigen Dosen Radler und Almdudler, nebst einem Büchlein darin, welches ein paar Sätze zu der Idee des Rast-Kastls enthielt mit dem Hinweis, man solle sein Scherflein in die fest angebrachte Kasse legen und seine leere Dose bitteschön selbst zu Tale tragen. Sehr nette Idee. Immerhin muss da jemand regelmäßig raufgehen und nachfüllen. Wir waren nicht durstig und Schokolade gab es keine, also gingen wir weiter.

Eine Familie kam uns entgegen mit einem munteren kleinen Kerlchen vorweg und einem noch kleineren Zwerg in der Kraxe. Der Zwerg hatte unterwegs sein Nackenhörnchen verloren und wir versprachen, die Augen offen zu halten. Ich speicherte mir die Telefonnummer.
Während des restlichen Weges zum Kühroint löste sich die Watzmannfamilie allmählich aus den dünn gewordenen Wolken, der Blick ins dunstdurchzogene Kar war sehr malerisch.
Auf der Alm checkten wir in unser Lager ein und luden dort den Großteil des Gepäcks ab, dann spazierten wir zur Archenkanzel. Tief unter uns lag türkisfarben der Königssee im Abenddunst, die Fahrgastboote zogen lautlos ihre Bahnen. Die umliegenden Gipfel spielten noch ein bisschen mit einer Wolkenschicht, hinter der sie sich immer mal halb versteckten. Wir gingen weiter zum etwas nördlicher gelegenen Archenkopf, von welchem der Ausblick fast noch schöner ist. Ein Blick auf die Uhr veranlasste, dass wir uns nach einer Weile davon losrissen und raschen Schrittes auf den Rückweg machten – das Abendessen war für 18 Uhr angekündigt und wir waren ermahnt worden, pünktlich zu sein. Wir schafften es – fast – schlüpften auf zwei freie Plätze und bestellten unser Essen. Wir saßen gegenüber des Ofens, es war sehr warm,  laut und langweilig in der Gaststube, während draußen der Sternenhimmel lockte. Wir folgten seinem Ruf, sobald wir gegessen hatten. Silbernes Mondlicht übergoss die Landschaft, wir tauchten hinein und spazierten durch den schweigenden Wald. Vor uns rief ein Käuzchen und bekam von irgendwoher Antwort. Über den Bäumen ragte mächtig der Mooslahner in den Nachthimmel. Ich liebe diese stille nächtliche Zauberwelt der Natur, könnte stundenlang darin aufgehen, mit wachen Sinnen den Frieden in mein Herz lassen.

Nun, dieser kleine Rundweg war nicht besonders lang und so schauten wir noch in die kleine Kapelle neben der Alm, in welcher auf Metalltafeln die Namen all jener stehen, die in den Berchtesgadener Alpen seit 1810 verunglückt sind. Die Ostwand hat gesonderte Tafeln. Viele, die ihr Leben in den Bergen gelassen haben, waren sehr jung, noch keine dreißig, das fiel uns auf.
Wir standen dann noch ein Weilchen vor der Almhütte und schauten in die Milchstraße, dann tranken wir drinnen noch ein bisschen was, das Abendessen hatte durstig gemacht. Ich erinnerte mich an das Nackenhörnchen und fragte mal nach – und tatsächlich hatte es jemand an der Alm abgegeben. Ich ging für besseren Empfang nach draußen und gab der Familie Bescheid, dass wir das Hörnchen mit über den Watzmann nehmen und ins Tal bringen würden, wo wir uns dann mit ihnen treffen könnten.
Schließlich verzogen wir uns ins Lager, das wir ganz für uns alleine hatten, so ein Luxus. Wir wollten am Morgen um 6 Uhr aufbrechen, Weckzeit eine halbe Stunde vorher. Wir kuschelten uns in die Betten, ein Stern schaute durch’s Dachfenster zu mir herunter, ich nahm ihn mit in den Schlaf…

Rainers Wecker riss uns aus diesem. Noch alles dunkel, klar. Umdrehen und weiterschlafen wäre auch schön gewesen, aber vor uns lag ein fantastisches Abenteuer und die Vorfreude ließ uns aus den Federn springen. Kurz nach 6 waren wir abmarschbereit und traten hinaus in die mondsilberne Morgenluft. Wir gingen ohne Lampe, es war hell genug. Während des Gehens zeigte sich allmählich ein erster zarter Schimmer am östlichen Himmel, wurde kräftiger und es hoben sich allmählich die Gipfel aus der Nachtschwärze. Eine zeitlang waren wir von Doppelschatten begleitet – einer vom Mond links über uns und ein noch sehr zarter zweiter vom ersten Tageslicht. Bald begann der Himmel im Osten zu erglühen und tauchte kurz darauf die Spitze des Kleinen Watzmann ins Orange des neuen Tages.
An der Falzalm kamen ein paar Wanderer aus dem Tal herauf, ganz schön zügig unterwegs. Das wurden im Laufe des Aufstiegs noch viel mehr, entgegen unserer Erwartung war an diesem Tag ordenlich was los am Berg.

Beim Watzmannhaus blies ein heftiger kalter Wind, so dass wir uns fürs Frühstück mit dem Rücken an eine kleine Hütte in die Sonne setzten. Gestärkt machen wir uns dann an den langen Aufstieg zum Hocheck, der leider in langen Passagen noch im Schatten lag, kräftig winddurchblasen. Das Panorama wurde beim Aufstieg immer beeindruckender. Das Watzmannhaus unter uns verkleinerte sich zur Unwirklichkeit, Berchtesgaden im Tal glich sowieso schon längst einer Spielzeuglandschaft. Spektakulär war der Blick ins Watzmannkar und auf die Watzmannfrau und Kinderschar. Allesamt ganz schön schroff, wunderbar überstrahlt vom Sonnenlicht.

Wir erreichten das Hocheck, den ersten Gipfel seiner Majestät, des Königs der Berchtesgadener Alpen. Der Tiefblick ins Wimbachgries öffnete sich und ich staunte hinunter in das Tal, in welchem ich schon so oft und in den entlegensten Ecken umhergestreift war. Direkt hinter dem Hocheckgipfel befindet sich eine kleine Schutzhütte mit einer Bank davor. Dort machten wir eine kurze Pause, kauten ein bisschen was und streiften die Hüftgurte über für die seilversicherten Kletterstellen am Grat. Ziemlich viele Leute tummelten sich, kamen in beiden Richtungen vorbei, legten ebenfalls ihre Sicherheitsausrüstung an. Erhaben lag die Mittelspitze vor uns, eine sehr beeindruckende Pyramide aus schroffem Fels am Ende eines langen, in seiner Gesamtheit gar nicht einsehbaren Grates. Wir hakten uns in die Seilsicherung ein und begannen mit der herrlichen Kletterei. Nicht alle Stellen sind versichert und man muss sich schon gut konzentrieren und aufpassen, wo man die Füße hinsetzt. Auch fand ich den Tiefblick am Anfang noch ziemlich respekteinflößend, doch gewöhnte ich mich schnell daran und fand bald meine Sicherheit in der Bewegung wieder. Es machte einfach mächtig Spaß! Wir erreichten die Mittelspitze, die gut bevölkert war. Wir nahmen uns Zeit, in Ruhe den Blick schweifen zu lassen. In allen Richtungen war die Fernsicht fantastisch und reichte – wie hatte es der österreichische Alpenverein so schön formuliert? – „bis zum Anschlag“. Hinter der Südspitze glänzten die Schneefelder der Tauern im Sonnenlicht, es sah aus, als würden sie schweben. Etwas Überirdisches haftete diesem Anblick an, der die mächtige Südspitze umso massiver wirken ließ.

Herbstlicher Frieden lag über der grandiosen Landschaft und sank in unsere Herzen. Auch wenn wir da oben wahrlich nicht alleine waren, fühlte ich mich der Welt entrückt. Was ich unten zurückgelassen hatte und was dort auf mich wartete, interessierte mich nicht – ich war im JETZT. Das ist die Magie der Berge. Dieser Zauber hält eine Weile. Auch wenn ich wieder zurück im Alltag bin spüre ich ihn noch, doch irgendwann verblasst er zur Erinnerung. Es ist immer an der Zeit, ihn wieder finden zu gehen, irgendwo in den Bergen…

Wir verließen die Mittelspitze und kletterten am Grat weiter in Richtung Südspitze. Man umgeht eine unüberwindbare Passage auf deren Westseite, steigt dabei ein ganzes Stück ab. Der kalte Wind, der uns sowieso an nur wenigen Stellen verschont hatte, griff hier mit eisiger Heftigkeit nach uns. An manchen Stellen lagen Schneereste, die von den vielen Bergsteigern zu Eis getreten worden waren. Da hieß es besonders aufpassen. Ich trug keine Handschuhe und meine Handflächen wurden vom Stahlseil und dem rauen Fels ganz schön fühlig – sind sowas ja nicht gewohnt, meine Bürofingerchen. Immer wieder schaute ich ins Wimbachgries hinunter – wie vertraut und doch völlig anders es von hier oben aussah! Ein brauner Fleck auf einem Grat weiter unten zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich holte mein kleines Fernglas aus der Tasche – ein Steinbock! Und ein Stück daneben lag ein zweiter in der Sonne. Lazy Sunday…

An einem windgeschützten Plätzchen taten wir es ihnen gleich, erleichterten unsere Brotzeitdosen noch etwas und beobachteten einige Bergsteiger, welche die Ostwand herauf kamen. Die Kletterei sah ganz schön anspruchsvoll aus in dem gerölligen Gelände, auch wenn die Ostwand – zumindest in dem Teil, den wir sahen – nicht so senkrecht ist, wie sie von unten wirkt.
Dohlen kamen immer mal vorbei um zu schauen, ob wir nicht einen Krümel für sie hätten. Pfeilschnell schossen sie im Wind mit angelegten Flügeln auf uns zu, um dann abrupt zu bremsen und elegant zu landen. Ich freute mich, dass ihnen ihre Bremsmanöver vor unseren Gesichtern so gut gelangen… Erwartungsfroh saßen sie dann für ein paar Momente auf den Felsen neben uns, um gleich darauf wieder abzuheben und sich vom Wind zu neuen Möglichkeiten davontragen zu lassen. Neben dieser geschmeidigen Airforce kam ich Mensch mir ziemlich plump vor.

Etwas seufzend ob der beendeten Gemütlichkeit verließen wir das sonnige Plätzchen und kletterten weiter bis zur Südspitze. Das dauerte seine Zeit, unterbrochen von zahlreichen Foto- und Stand-and-stare-Pausen. Auch an der Südspitze war ziemlich viel los, und da das Gipfelkreuz für unser Gipfel-Selfie viel zu belagert war, suchten wir erstmal eine einigermaßen windgeschützte Stelle auf der Ostseite und machten uns über die Schokolade her. Essen ist immer eine Alternative. Und der Panoramablick sowieso. Hier hatten wir freie Sicht auf St. Bartholomä, welches winzigklein tief unter uns am smaragdgrünen Königssee lag. Das Watzmannlabl schmiegte sich ein Stück oberhalb sonnenbeschienen an den Berg. Weiter im Osten schimmerte der Obersee, Gipfel spiegelten sich in seinem glatten Wasser. Das Hagengebirge breitete darüber Gipfel an Gipfel aus, in der Ferne verloren sich der Dachstein, der Hochkönig, die Niederen Tauern. Solche Weite! Solche Mächtigkeit!

Wir saßen eine ganze Weile, doch wurde es uns im Wind allmählich zu kalt. Da es nicht so aussah, als würden wir das Gipfelkreuz mal nur für uns haben, drückte ich jemandem meine Kamera in die Hand, wir schoben die umstehenden Leute zur Seite, positionierten uns und grinsten in die Kamera. Na bitte.
Dann packten wir zusammen und machten uns an den steilen Abstieg ins Wimbachgries. Auch dabei muss man stets die Körperspannung halten, um im Geröll nicht zu rutschen. Vor uns lag die Hirschwiese, auf der wir beide in der Vergangenheit ganz unabhängig voneinander wunderschöne Erlebnisse gehabt hatten. Das Wimbachgries versank im Schatten, der sich die Felswände hinauf tastete, während wir uns hinunter tasteten. Am Goldbrünndl füllten wir unsere Flaschen auf – wir hatten beide noch je eine volle Flasche, doch ist es schön, wenn man am nächsten Tag zuhause noch etwas Wasser aus den Bergen hat…
Das letzte Stück hinunter in den Schuttstrom war nochmal richtig anspruchsvoll und unangenehm. Der Weg zwischen den Latschen war extrem ausgespült, steil und geröllig. Die Ketten, die entlang der einzelnen Abschnitte als Unterstützung angebracht waren, hingen viel zu niedrig, als dass man sie beim Abstieg wirklich hätte nutzen können. Wir hangelten uns irgendwie hinunter und waren dann doch froh, den Schuttstrom erreicht zu haben. Die Sonne war inzwischen untergegangen und allmählich senkte sich die Dämmerung herab. Mit schwungvollen Schritten marschierten wir das Tal hinab in die tiefer werdende Dunkelheit hinein. Sterne erschienen am Himmel. Bis zum Wimbachschloss gingen wir ohne Stirnlampe, doch unter den Bäumen war es sehr dunkel, so dass Rainer seine Lampe aus dem Rucksack holte.

Kurz vor dem Parkplatz rief ich die Nackenhörnchen-Familie an um Bescheid zu geben, dass wir gleich unten sein würden. Wir mussten im Auto auch nicht lange warten, bis die junge Frau kam, freudig das hellblaue Hörnchen entgegen nahm und uns einen leckeren Wein in die Hand drückte. Wir plauderten noch kurz, dann fuhren wir zum Parkplatz Hammerstiel, wo Rainers Auto stand. Hier hätte ich ihn noch fast ohne seinen Rucksack ausgesetzt, als ich schon fahren wollte, selbiger aber noch hinten in meinem Auto lag. Mit Autoschlüssel und Handy inside. Ich glaube, ich habe bis zuhause gelacht, als ich mir immer wieder vorstellte, wie Rainer ohne jegliche Ausrüstung neben seinem Auto biwakiert, während sein Rucksack mit mir nach Hause fährt…

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