Die Almer Wallfahrt 2018 – schweres Wetter…

Anmarsch zu Funtensee und Kärlingerhaus

Anmarsch zu Funtensee und Kärlingerhaus

Weckerklingeln. 0.45 Uhr. Schon? Ich bin doch gerade erst ins Bett? Naja, stimmt ja irgendwie auch – mit den diversen Vorbereitungen für diesen Tag ist es gestern ziemlich spät geworden. Ungern verlasse ich die warmen Federn, das Rauschen  des Regens draußen wirkt nicht ermutigend. Hilft nichts. Ich vertrödle zuviel Zeit im Bad – dort ist es so schön warm – trinke einen schnellen Earl Grey, schnappe mir den fertig gepackten Rucksack und entscheide mich in letzter Minute für die etwas unbequeme, aber wasserdichte Umhängetasche für Kamera und Objektiv anstelle der geplanten Gürtelversion.
Im Auto gibt’s dann die Rosinensemmel, mit der ich mich für das (un)zeitige Aufstehen belohne. Ist aber ein ganz schöner Würger, so trocken.
Die Straßen sind frei, die Leute liegen alle  noch selig in ihren Betten, und Peter Gabriel sorgt für Schwung: „Give me steam!“


In Berchtesgaden kommen mir die ersten Busse mit Wallfahrern entgegen, auf dem Weg nach Maria Alm. Auf dem Parkplatz Königssee suche ich mir diesmal eine Stelle, die ich später auch wiederfinden werde und wende mich den bereit stehenden Bussen zu. Von dort ruft jemand „Eine Person!“ – und schon sitze ich im Bus – ging ja wie am Schnürchen. Es sind auch deutlich weniger Leute am Parkplatz als im Vorjahr, denn regnen tut’s auch wie am Schnürchen. Nun, jetzt habe ich erstmal noch ein trockenes Stündchen zum Dösen, während der Bus nach Maria Alm schaukelt…
…irgendjemand hinter mir riecht ein bisschen… Upps – jetzt hab ich unter dem Sitz was Weiches getreten. Ein Hunderl. Naja – nasser Hund riecht halt, kann ja nichts dafür, das Kerlchen. Wer weiß, wie ich am Ende des Tages riechen werde. Ich sinke zurück in den Dämmerzustand, bis der Bus in Maria Alm schwungvoll die letzte Kurve nimmt und die Insassen zu hektischem Rucksack-Einsammeln erwachen. Raus in die frische Nachtluft, das macht gleich munter. Hier tröpfelt es nur, hoffentlich bleibt das so.

Die Schlange vor der Ticket-Hütte ist diesmal nicht lang, schnell habe ich meine Fahrscheine und finde mich gleich darauf im Bergtaxi wieder, das mich und andere Wallfahrer zum Parkplatz Sandten bringt. Die weniger Zimperlichen wandern direkt von Maria Alm aus. Im Vorbeifahren sehe ich das eine oder andere Paar kurzer Lederhosen – das sind die ganz Harten.
Etwas widerwillig verlasse ich den VW-Bus – meine letzte Chance zurück ins Trockene – jetzt geht’s wirklich los. Die Fototasche ist im Rucksack verstaut. Die Ramseider Scharte liegt komplett in Wolken, da werde ich gar nicht erst versuchen, die Reihe der Stirnlampen zu fotografieren, die sich vor mir im Dunst durch die Serpentinen hinauf zieht. Doch auch dieses Mal berührt mich der Anblick wieder, tanzende Lichter in der Stille der Morgenstunde, nur die Schritte der Wanderer auf dem Kies sind zu hören.
Leider verstärkt sich das Tröpfeln zu Regen und ich setze meine Kapuze auf, was einen gewissen Abschottungseffekt hat: wenn ich den Kopf drehe, um auf die Lichterkette unter mir zu schauen, sehe ich nur die Innenseite der Kapuze.

Durch die Latschen windet sich der Pfad nach oben und ich freue mich, dass die vielen Wanderer vor mir die Regentropfen schon von den Ästen gestreift haben.

Als ich mich dem seilversicherten Wegstück durch die Wand nähere, wird es lichter. Die Morgendämmerung hat sich angeschlichen, doch dämpfen Nässe und Nebel die Wirkung dieses sonst so erhabenen Moments.
Über nasse Stufen geht es hinauf, beim „Gartentörl“ meint man schon, man hat es gleich, aber Pustekuchen – da kommt noch ein ordentlich steiles Stück, bis man in der Tür des Riemannhauses steht. Ich stehe da nicht lange, sondern kaufe einen Kaffee und sehe zu, dass ich in einer der überfüllten Stuben einen Platz ergattere, was mir auch gelingt. Die Stimmung in der Gaststube ist heiter, alle sind ein bisschen aufgeweicht aber gut drauf.
Kurz vor acht gehe ich nach draußen, was etwas Überwindung kostet, denn alle, die von dort kommen, sehen frisch geduscht aus.
Ich war gespannt gewesen, wie denn die Bergmesse bei Regen durchgeführt werden würde. Sie findet nicht wie üblich auf den Felsen hinter dem Riemannhaus statt, die kleine Statue des betenden Wallfahrers steht dort alleine im Regen. Vor dem Haus sind zwei riesige Schirme aufgespannt. Unter dem einen drängen sich die Musikanten möglichst eng zusammen, unter dem anderen ist ein Biertisch zu einem schlichten aber zweckmäßigen Altar umfunktioniert. Dieser Anblick hat durchaus seine humorvolle Seite.

Ich verlasse die Messe etwas vorzeitig, denn ich möchte den Zug der Wallfahrer gerne an einer bestimmten Stelle von vorn fotografieren – und das setzt voraus, dass ich zuerst dort bin. Doch bin ich bei Weitem nicht die Einzige, die sich einen Vorsprung verschafft – man könnte meinen, ich sei bereits mitten drin in der Wallfahrt, so viele Gruppen und Grüppchen gehen schon los.
An der ausgewählten Stelle postiere ich mich auf einem Felsen neben dem Weg. Der Regen ist in Geniesel übergegangen, na wenigstes.
Ich warte geraume Zeit, während eine Gruppe nach der anderen auftaucht und an mir vorüber zieht. Schließlich erscheint auch der Vorgeher mit seinem blumenbekränzten Pilgerstab. Zwischen all den Leuten, die vor ihm gehen, hätte ich ihn beinahe übersehen, und ich finde das befremdlich: Wozu gibt es einen Vorgeher, wenn ein großer Teil der Wallfahrer diesem noch voraus marschiert? Um nur ja zuerst – wo zu sein? Am Kärlingerhaus beim Bier? An der Brennhütte beim Schnaps? Das Ganze verliert an Form dadurch, vielleicht auch etwas den Sinn des gemeinsamen Gehens, und das finde ich sehr schade. Und ich finde es respektlos Georg Imlauer gegenüber, der dieses Jahr zum 17. Mal Vorgeher ist und zum 48. Mal an der Wallfahrt teilnimmt.

Ich mache die geplanten Fotos, die wegen der trüben Verhältnisse nicht der Brüller werden, und reihe mich in die Schlange nasser Menschen ein. Der Weg ist rutschig, man muss aufpasssen, wohin man tritt. Wir steigen ins Baumgartl ab, wo ziemlich viele nasse Schafe widerkäuend herumstehen. Dazu legen die sich normalerweise bequem hin, aber heute ist es ihnen wohl zu ungemütlich. Der Wald jedoch sieht in der triefenden Nässe ganz verzaubert aus: Der feine Nieselregen hat sich an den Lärchennadeln in tausenden Tröpfchen abgesetzt, sie schimmern, als wäre ein zarter Schleier darüber gelegt. Ich mache – natürlich – ein paar Fotos, muss dazu aber erst die Linse trocken wischen, über die sich auch ein zarter Schleier gelegt hat. Überhaupt ist das so eine Sache mit dem Regen und meiner Fotoausrüstung. Meine Konstruktion mit der Plastiktüte war spitze, hat aber nicht lange gehalten, und so bin ich dauernd am Tupfen, Wischen und Wiedereinpacken. Dennoch hat diese Wallfahrt im Regen ihren ganz eigenen Reiz: die Regenjacken und -schirme machen das Ganze kunterbunt, Capes flattern, unter den Kapuzen grinsen nasse Gesichter hervor, keiner jammert, alle haben gewusst, es würde nass werden, wir wollten trotzdem alle mit. Das „wir“ ist stärker in diesem Jahr. Es sind nur 500 Wallfahrer, wo es sonst an die 2.000 sind. Das macht, dass man dieselben Gesichter öfters sieht, man erkennt sich, lächelt sich zu, wechselt ein paar Worte. Es ist fast ein bisschen familiär.

Inzwischen sind wir aus dem Wald heraus getreten, oberhalb des Funtensees, in der Nähe der Diensthütte. Dort findet der feierliche Grenzübertritt nach Bayern statt, in Anwesenheit von Polizei und Zoll beider Länder, was sehr heiter vonstatten geht.
Hierzu habe ich in einem Forschungsbericht des Nationalparks Berchtesgaden eine nette Anekdote aus dem Jahr 1951 gefunden, als die Wallfahrt nach dem Krieg zum ersten Mal wieder stattfand: Für den Grenzübertritt hatte mit einigem Vorlauf eine Liste mit den Namen aller Teilnehmer eingereicht und beglaubigt werden müssen. Nun waren inzwischen einige dieser Teilnehmer abgesprungen, andere noch hinzugekommen, die Liste stimmte also hinten und vorne nicht. An der Grenze standen auf deutscher Seite die Grenzbeamten, auf österreichischem Gebiet der Bürgermeister von Maria Alm mit der Liste, welche er laut verlas. Die Genannten traten nacheinander über die Grenze, alles bestens, zumindest bei den Musikern und deren Angehörigen. Bis dann ein Name fiel, dem niemand über die Grenze folgte: „Johann Herzog!“ Stille auf Seiten der Almer, Verwirrung bei den deutschen Beamten. Dann der Bürgermeister: „Gustl, dös bist du“ Und schon war der „Gustl“ über die Grenze. Bereits bei der dritten neuen Namensgebung eines ungemeldeten Mitgehers war der Bann gebrochen, alles lachte, auch die Grenzbeamten, die daraufhin eine „Generalabsolution“ erteilten und mit einem Marsch und einem Stamperl Schnaps bedankt wurden…

Jetzt und hier haben unsere Musiker auch ihre Instrumente aus den Plastiktüten geholt und spielen auf, dass die Tropfen spritzen. Dann erfolgt der Almsegen, durch die Menge der bunten Regenkleidungen raunt das Vaterunser, im Hintergrund taucht der Viehkogl aus den Wolken auf, es hat sogar mal ganz aufgehört zu regnen.

Dieser andächtige Moment geht vorüber und nun wird die Menge zielstrebig: Hinunter zum Funtensee, daran entlang, eine bunte Menschenkette, die sich im glatten Wasser spiegelt. Hinauf zum Kärlingerhaus und zur Brotzeit. Ein anderer Teil der Wanderer – und dem schließe ich mich an – geht zur Brennhütte, wo Bergbrenner „Hubsi“ Hubert Ilsanker alle paar Jahre den Enzianschnaps brennt. Diesen verkosten wir nun, der Zoll ist auch schon da und schnapselt kräftig mit. Ich greife mir auch ein Gläschen, welch herrlich goldene Farbe, würzig im Geschmack und brennt schön warm in der Kehle. Entspannend. Jetzt könnte ich ein Schläfchen vertragen… Ein paar Musiker sind auch herübergekommen und spielen ein bisschen auf. Dann zieht es nach und nach auch die Schnapsverkoster zum Kärlingerhaus und ich gehe ebenfalls.

Am Kärlingerhaus gibt es Gulaschsuppe und in einem riesigen Topf schwimmen unzählige dicke Schweinswürschtel. Auweia, sieht nicht so aus, als würde der Wirt die alle verkaufen. Ich setze mich auf einen Stein am Wegrand, trinke eine Tasse Tee mit Honig – den will ich ja nicht wieder zu Tale tragen – schaue dem Treiben zu und wische wieder ein wenig an den Objektiven herum. Nun müsste die Musi bald ihre Ehrenmärsche spielen, aber die Musikanten sind noch ganz entspannt bei der Brotzeit. Dafür fängt es wieder an zu regnen, und da packe ich zusammen und mache mich auf den Weg in Richtung Königssee, wohin schon viele der Wallfahrer verschwunden sind. Ich komme am Betstein vorbei, an an welchem eine Gedenktafel hängt für die Menschen, welche vor Nationalparkszeiten die Almen am Funtensee bewirtschaftet haben. Ich passiere die ehemalige Oberlahneralm und komme dann zu den endlosen Kehren der gefürchteten Saugasse. Die ist ja immer in aller Munde, auch dieses Mal habe ich verschiedene Leute darüber sprechen hören, immer mit respektvoller Abneigung. Dabei ist sie landschaftlich durchaus beeindruckend mit den hohen Wänden auf beiden Seiten. Nun, sie zieht sich, und das ist es wahrscheinlich, was viele als mühsam empfinden. Mir gefällt, wie sich die bunte Regenjacken-Kette durch die Serpentinen zieht. Ein paar Wanderer befinden sich im Aufstieg zum Kärlingerhaus – die haben ordentlich Gegenverkehr.
Bald erreiche ich den Wald und komme wenig später an der ehemaligen Schrainbachalm vorbei. Wie die Hühner auf der Stange sitzt ein Häuflein Wallfahrer in einer Reihe unter dem knappen Dach der Diensthütte und macht ein Päuschen.
Ich genieße den Wald. Den schweren Duft nassen Holzes, das kräftige Grün, welches bei Regen besonders intensiv ist, sogar die Tropfen, die durch das Blattwerk fallen. Ich trabe dahin, mal etwas gebremst durch ein gemächlicheres Grüppchen, dann wieder schwungvoller. Endlich blinkt das Türkis des Königssees durch die Bäume, unglaublich, wie das leuchtet! Das ist nun wieder so eine verführerische Stelle, an der man denkt, man hat es gleich, doch liegen immernoch sehr viele sehr steile Kurven vor einem bis zum Seeufer. Man kommt am Schrainbachfall vorbei, der immer beeindruckend rauscht und schäumt, jetzt durch den Regen noch an Stärke zugenommen hat. Ich lasse ihn rechts liegen, da bin ich erst im Frühjahr während der Schneeschmelze herumgeturnt, und jetzt stehen schon ziemlich viele Leute dort.
Endlich erreiche ich den See. Das Boot der Königsseer Holzknechte ist schon da, umstanden von einer tropfenden bunten Menge fröhlicher Wallfahrer, die „Begrüßung am Eisbach“ ist in vollem Gange. Ein paar übermütige Burschen sind ins Wasser gesprungen und schwenken ihre Bierkrüge. Ich angle mir auch ein frisch Gezapftes vom festlich geschmückten Landauer, der Regen kann hier niemandem die Stimmung vermiesen.

Dann trolle ich mich in Richtung der Schiffsanlegestelle, auf ein Bad im See verzichte ich diesmal, ich bin schon nass genug.
Trotz des miesen Wetters sind erstaunlich viele trockene Touristen zwischen den triefenden Wallfahrern – manche kann man auch mit nichts abschrecken. Der Schiffsverkehr ist rege und  schon bald sitze ich im Boot und unterhalte mich mit einer sehr sympathischen jungen angehenden Journalistin, die ich schon am Kärlingerhaus getroffen habe. Wir gehen zusammen von der Seelände zum Parkplatz, dort verabschieden wir uns und ich sinke in den Sitz meines Kleinen Schwarzen, welches ich diesmal auf Anhieb gefunden habe. Jetzt heim, unter die Dusche, was Warmes essen – und möglichst bald ins Bett.
Es war ein schöner Tag.

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