Von Maria Alm über die Wasserfallscharte ins Steinerne Meer

In der Wasserfallscharte

In der Wasserfallscharte

In dieser Saison ließ das perfekte Bergwetter lange auf sich warten. Erst in der zweiten Augusthälfte wurde es verlässlich und blieb auch den September hindurch mit zwei kurzen nassen Unterbrechungen stabil. Ich nutzte es ausgiebig zu zahlreichen Touren im Hagengebirge und Steinernen Meer. Die letzte Wanderung machte ich von Maria Alm aus, ich wollte über die Luegscharte aufsteigen.

Bis Maria Alm fahre ich gut eineinhalb Stunden, da heißt es früh aufstehen, wenn man abends nicht in die Dunkelheit kommen will (komme ich sowieso immer). Über Saalfelden hing eine dichte Nebeldecke, das ist im Herbst oft so. Maria Alm dagegen lag in strahlender Morgensonne, welch ein Glück für die Einwohner, denn an diesem Sonntag, den 25. September, war Erntedankfest. Der Ortskern war für die Durchfahrt gesperrt, und auf der Umleitungsstrecke sah ich einige festlich gekleidete Trachtler auf dem Weg zur Kirche, sehr schön anzuschauen.

Ich fuhr bis zum Wanderparkplatz Rohrmoos und erwischte den letzten freien Platz ganz hinten. Glück muss man haben!


Das erste Stück führt eine Forststraße entlang, nach kurzer Zeit zweigt ein schmaler Wanderweg ab und führt hinauf zur Lechner Alm. Dort im Wald habe ich vor Jahren mit Manja ein paar kleine Steinpilze gefunden (und verdrückt), und an just derselben Stelle fand ich auch diesmal einen – den ersten und einzigen dieses Jahres. Klein und fest stand er zwischen Wurzeln am Weg und ich verputzte ihn genussvoll.

Frischer kleiner Steinpilz

Frischer kleiner Steinpilz

Kurz darauf kam ich zu den Weiden der Lechner Alm, passierte einige entspannte Kühe und stieg weiter steil durch den Wald bergauf zum Braggstein am Fuß des Selbhorns. Ich ging zügig, aber nicht eilig, trotzdem machte sich irgendwann ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend breit. Ob sich der kleine Steinpilz nicht mit dem vorher konsumierten Kaffee vertrug? Die Übelkeit nahm zu und ich beschloss, mir am Braggstein oder kurz oberhalb, am Rötenegg, eine längere Pause zu gönnen. Macht ja keinen Spaß, wenn einem übel ist. Zumal ich inzwischen auch zittrige Knie hatte und mich überhaupt kreislaufmäßig nicht so ganz auf der Höhe fühlte – das kam dann wohl doch nicht von dem unschuldigen Steinpilz (es war ganz sicher ein Steinpilz). Ein Päuschen also. Ich trank einiges Wasser, das war schon mal gut, und geruhsam sitzen war auch gut. Ich hatte natürlich wieder mein kleines, feines Fernglas dabei und ließ genussvoll den Blick schweifen. Ich knabberte unbeschadet einen Apfel und wagte mich daraufhin an ein Brot, ging auch, jetzt fühlte ich mich besser. Hätte vielleicht gescheit frühstücken sollen.

Man hat von dort einen wirklich fantastischen Blick auf das Selbhorn, und ich war ganz in diesen versunken, als plötzlich hinter der Flanke hervor ein Adler gesegelt kam und sich kreisend höher schraubte. Schnell griff ich zur Kamera, doch bis ich das Teleobjektiv soweit hatte, war der Adler natürlich schon ein ganzes Stück höher. Egal. Ich griff wieder zum Fernglas, legte mich ins Gras und beobachtete den Adler über mir, bis er ostwärts glitt und verschwand.

Ein ziemlich kühles Lüftchen sorgte dafür, dass ich mich nicht allzu gemütlich fühlte und schließlich meine Siebensachen wieder einpackte und weiter ging. Ich hatte während der Pause auch die Karte ausgebreitet und überlegt, vielleicht doch die Wasserfallscharte zu gehen statt der Luegscharte. Der Weg zur Luegscharte ist wunderschön und ich hatte mich darauf gefreut, doch die Wasserfallscharte kannte ich noch nicht. Da muss man laut Beschreibung allerdings etwas klettern, und so ganz auf der Höhe fühlte ich mich kreislaufmäßig immernoch nicht. Etwas unschlüssig stand ich schließlich an der Abzweigung. Hm. Zeit hatte ich genug, da konnte ich auch zurück und über die Luegscharte gehen, wenn mir die Kletterpartie zu anspruchsvoll erscheinen sollte. Also folgte ich dem schmalen Pfad, der diverse abschüssige Schrofenhänge quert, bis zu einem Einschnitt in der Felswand, den man hinauf klettert. Dort war im steilen Geröll ein nettes kleines Plätzchen direkt neben dem Einstieg, und da beschloss ich, nochmal bisschen Kraft und Wasser zu tanken. Ein Paar kam hinter mir herauf und an mir vorbei und stieg in die Felsrinne. Ich beschloss, den beiden einigen Vorsprung zu lassen – es tritt sich beim Klettern ja leicht mal was los. Tatsächlich hörte ich plötzlich lautes Poltern, dann einen Ruf von oben „Stein!!!“ und ich ging lieber noch einen Schritt weiter weg von der Rinne – ich war aber sowieso von einem vorspringenden Felsen geschützt gegen alles, was da von oben kommen mochte. Und das war gar nicht ohne – ein paar faustgroße Steine schossen in einem Meter Entfernung an mir vorbei – die hätte ich wirklich nicht abkriegen wollen! Als sich der Hagel gelegt hatte, kam von oben eine Stimme „Bist du ok??“ – na immerhin… Aber nun wartete ich erst recht, bis ich von den beiden nichts mehr hörte und stieg erst dann in die Rinne.

Die Kletterei entpuppte sich als wahrer Genuss. So was Herrliches! Griffiger Fels, easy zu klettern, eindrucksvoller Blick auf die Wand des Selbhorns – ich war begeistert! Nach der Kletterpartie kam ein unangenehm rutschiges, steiles Stück Geröllhang, da packte ich meine Stöcke aus. Dann ging’s über ein paar Felsen, wo man hin und wieder nochmal hingreift, und dann ist man oben.

Vor einem öffnet sich der Blick über die Karsthochfläche, im Westen eingerahmt vom langgezogenen Grat des Selbhorns, im Osten durch das Mitterhörnl mit dem langen Grat zum Scharegg begrenzt. Von der Wasserfallscharte aus ist es nur ein Katzensprung auf den kleinen Gipfel des Hochstreif, Teil des Gratzuges von der Scharte in östlicher Richtung. Zeit für ein Päuschen in der Sonne und Zeit für eine ordentliche Brotzeit, also beschloss ich, den Gipfel des Hochstreif „mitzunehmen“ und mit der Brotzeit auch den Ausblick zu genießen. Ich kletterte über einige Felsen und einen gerölligen Hang hinauf. Das Panorama war nach allen Seiten spektakulär. Im Westen mit imposantem Südabsturz das Selbhorn, im Süden das Tal von Maria Alm und in der Ferne Saalfelden. Von Osten schaut erhaben das Matrashaus vom Hochkönig herunter, davor das Brandhorn, der Rücken des Wildalmkircherls und das Scharegg mit Grat zum Mitterhörnl. Nach Norden blickt man weit über die Karstfläche bis zum Wildalmrotenkopf und dem Funtenseetauern. Man kann sich beim Essen rundum drehen und hat in jede Richtung eine fantastische Aussicht. Natürlich zog ich wieder mein Fernglas aus der Tasche – es ist wirklich faszinierend, wenn man sich Details der wilden Landschaft aus der Nähe betrachten kann. Am Südgrat des Ponegg, welches  in kurzer Entfernung vom Hochstreif in östlicher Richtung liegt, fand sich eine kleine späte Herde Ziegen. Ui, das war ganz schön ausgesetztes Gelände, in dem die da herumstiegen! Und es waren definitiv zahme Ziegen – Gemsen tragen meist keine Glöckchen um den Hals.

Am Gipfelkreuz gab es einen Behälter mit einem Gipfelbuch – am Breithorn vor einer Woche war keines gewesen – das war aber arg mitgenommen und ziemlich durchweicht, es ließen sich nur noch wenige Seiten aufschlagen.

Das kühle Lüftchen wetteiferte auch hier mit der wärmenden Sonne, die aber allmählich etwas dünn wurde. Naja, wurde sowieso Zeit, weiterzugehen. Ich wollte die Buchauer Scharte nicht im Dunkeln runtergehen. Ich kenne den Weg zwar, der ist aber sehr steil und rutschig im Geröll und ich hatte die Stirnlampe vergessen, da wäre das wenig vergnüglich.
Ich stieg weglos ab über Stock und Stein – naja, Stock weniger – ins Wasserfalltal. Wie so oft im Steinernen Meer begeisterten mich die unterschiedlichen wunderschönen Gesteine und Gesteinsformen. Schade, dass ich nichts darüber weiß: Es sind alles Ablagerungen des prähistorischen Tethys-Meeres, aber wodurch entstanden die verschiedenen Farben und Zusammensetzungen? Ich könnte da stundenlang schauen und fotografieren, aber wie meistens bei Touren im Steinernen Meer reichte die Zeit dafür nicht.

Ich stieß auf den markierten Weg, der von der Wasserfallscharte zur Hochbrunnsulzenscharte führt, folgte ihm ein Stück und kürzte dann das Eck ab, das er zur Wasserfallgrube hin macht, wo er sich teilt. Eine Abzweigung führt zum Wildalmkircherl und weiter zum Hochkönig. Wäre auch mal interessant.
Nicht lange, und ich erreichte die Hochbrunnsulzenscharte. Dort stand ich eine Weile und schaute auf die schier endlose Steinwüste unter mir. Faszinierend. Und totenstill. Nicht mal das bisschen Insektengebrumm des Sommers war zu hören, es war eine vollkommene Stille, die sich über die lebensleere felsige Weite spannte. Unglaublich schön und berührend.

Auf der anderen Seite der Scharte warteten alte Bekannte: Der Watzmann, der Große Hundstod und natürlich die Schönfeldspitze lagen im spätnachmittäglichen Licht. Drei Gemsen traten am Silbhorn auf der Suche nach Futter ein paar Steine los. Unglaublich, wo die noch die letzten Gräschen finden, wo unsereins nur Felsschutt sieht. Ich warf einen letzten Blick zurück zum Hochstreif und auf das Wasserfalltal, nach dem jetzt schon der Schatten des Selbhorns die Finger ausstreckte. Dann folgte ich dem Weg von der Hochbrunnsulzenscharte hinab nach Westen und dann nach Süden zur Buchauer Scharte. Die Sonne stand schon tief und der Weg lag im Schatten der Schönfeldspitze – ganz schön frisch! Definitv nicht mehr die Zeit, in der ich gerne da oben biwakieren möchte. Erst an der Scharte hatte ich die Abendsonne wieder, doch pfiff da auch ein kräftiger Wind, wie überall an diesen südlichen Einschnitten.
Die Felswand östlich der Scharte, das Mittagwandl, lag in goldenem Licht, das allmählich immer satter wurde und dann verblasste, während ich den unangenehm rutschigen, steilen Pfad durchs Geröll abstieg. Das Tal unten versank schon in der Dämmerung. Beim Tieferkommen hörte ich ein paarmal einen Hirschen röhren. Ich war froh, als ich die Freithofalm erreichte; von da an ging es durch den Wald weiter auf einem schmalen Schotterweg, der weniger steil und rutschig war. Von rechts drang immer mal der Hirschgesang zu mir. Inzwischen trabte ich im Dunkeln dahin, und ich war ganz froh, dass es bei uns keine Bären gibt, die im Wald brummen, sondern nur Hirsche.
Der Wanderweg zweigte vom Schotterweg ab und wand sich als Pfädchen durch die Bäume bergab. Gut, dass ich den Weg schon zweimal gegangen war, ich konnte ihm auch im Dunkeln gut folgen. Dann wurde es ein bisschen knifflig. Ich kam zur Kaseregg Kapelle mit Quelle. Von dort gibt es zwei Möglichkeiten, nach Rohrmoos weiterzugehen. Ich war beide vorherigen Male zum Krallerbach abgestiegen, der vom Berg herunter parallel zum Weg verläuft, und diesem bis Rohrmoos gefolgt. Den Pfad zum Bach hinunter verlor ich aber im Dunkeln, bzw. fand mich in einem dünnen Rinnsal, von dem nicht sicher war, ob es der Weg war, über den da grad was floss (das ist eine ziemlich feuchte Gegend da bei der Kapelle, mit mehreren kleinen Quellen), oder ob ich einem Quellbächlein durchs Gras folgte. Ich suchte am Handy nach einer Taschenlampe, fand aber keine und leuchtete mit dem Display. Mit mäßigem Erfolg. Nachdem ich im Rinnsal wiederholt zurück zur Kapelle und wieder hinunter gegangen und immernoch nicht schlauer war, beschloss ich, es mit der zweiten Möglichkeit zu versuchen. Den Einstieg an der Kapelle fand ich gleich, auch nur ein zartes Pfädchen, das sich durch den Wald wand. Einmal machte es einen scharfen Rechtsknick und ich leuchtete fluchend mit dem Handydisplay, bis ich weiter fand. Es war da nicht mehr weit bis zur Forststraße, denn ich sah ein Auto vorbei fahren. Just in dem Moment klingelte lustigerweise das Telefon, Elias war dran. War zuhause und wollte wissen, wo ich steckte. Na, im Wald halt… Wie kurios – ich stand schwitzend im Dunkeln im Wald, ohne genauen Plan, wo ich war, und telefonierte mit Eli…

Ein paar Meter weiter kam ich tatsächlich auf die Forststraße und folgte dieser bis zum Parkplatz Rohrmoos. Uff! Das nächste Mal denke ich beim Packen an die Stirnlampe…