Erste Sonnenstrahlen tasteten sich über die Almwiese, fanden mich aber nicht – neben mir standen ein paar hohe Fichten. Ich stieg aus dem Schlafsack, griff mir meine Sachen und die Distel und schleifte erstere ein paar Meter weiter in die Sonne. Herrlich! Ich putzte Zähne und kämmte Haare und rührte mir im Faltbecher eine SmoothieBowl an. Danach goss ich in selbigem Becher – vorher ausgespült – einen Cold Brew auf. Ich hatte zum Geburtstag ein Sortiment Kaffeekonzentrat geschenkt bekommen und eines der Fläschchen mitgenommen (195g). Man braucht tatsächlich nur einen Teelöffel von dem starken Zeug und bekommt daraus eine schöne Tasse – in meinem Fall kalten – Kaffee. Das war’s auch schon mit dem Frühstück. Ich verpackte meine inzwischen von nächtlichem Tau wieder getrockneten Sachen und verabschiedete mich von der Salami – später dachte ich allerdings, dass dies keine gute Idee gewesen war, denn das salzige Ding würde einem Füchslein – und die riechen sowas gar weit – bestimmt nicht guttun.
Ich marschierte den Bergrücken entlang, der vom Eisenberg in den Unternberg überging. Ich wollte in die Laubau absteigen, sah auf der Karte einen Steig entlang der verheißungsvoll klingenden Geschoßwände – mit ebenso verheißungsvoll schraffierten Felsen – und beschloss spontan, diese etwas längere Variante zu nehmen. Die Wände, an deren Fuß der Steig steil hinunter führte, waren wahrhaft imposant, dazu passend schrie irgendwo oben ein Falke. Meine Freude darüber währte allerdings nicht lange, dann wurde sie gedämpft: Das Steigerl war steil, der Boden tief, weich und rutschig, blühender Bärlauch wucherte und verströmte seinen intensiven Duft – alles schön und gut, wenn auch in der Nase etwas betäubend. Aber dann lagen schon die ersten umgestürzten Buchen vom Schneebruch im letzten September auf dem Steig. Ich kletterte darüber, fand die Fortsetzung des Steigerls und stand gleich darauf vor dem nächsten Hindernis im Steilgelände. Es folgte ein Chaos aus massigen Stämmen und gesplitterten Ästen, durch- und übereinander geworfen auf dem steilen, rutschigen nassen Hang. Das Steigerl war komplett darunter verschwunden. Ich suchte mir mein Vorwärtskommen durch dieses Schlachtfeld, rutschte einmal mitsamt dem dicken Ast ab, an dem ich mich gerade festhalten wollte, quetschte mich (mit Rucksack…) unter Stämmen hindurch, überstieg andere, blieb mit den Stöcken hängen, griff beim Festhalten an einem Stamm in irgendeinen matschigen Pilz, hatte im Nu Kratzer überall an den Beinen und die Schnauze voll. Ich mag ja schon gerne mal so Klettereien, aber das war vor allem durch die Steilheit des Geländes, den schweren Rucksack und das Ausmaß des Ganzen wirklich kein Spaß. Ich brauchte eine Dreiviertelstunde für das Buchenstamm-Mikado, dann tauchte das Steigerl wieder daraus auf, tat so, als sei nichts gewesen und schlängelte sich sanft durch den Wald. (Diesen krassen Schneebruch im Bergwald gibt es hier leider an sehr vielen Berghängen, aber meist sind die Steige inzwischen freigeschnitten)
Das Steiglein war hübsch gesäumt von Blumen und langem Gras und statt Ameisen waren es hier winzige Zecken, die mir die Beine hochkrabbelten um sich irgendwo zu verbeißen. Ich war gut beschäftigt, die Viecher abzusammeln und behielt meine Beine im Blick – was für den Großteil der Wanderung so blieb. Zum Glück bin ich da nicht empfindlich, denn es wurde teilweise ein regelrechter Zecken-Marathon.
Der Steig bis hinunter in die Laubau war wirklich schön, dunkelviolette Akelei nickte mir freundlich zu.
In der Laubau vertat ich mich erst, übersah eine Abzweigung, was mich dafür an einem Grüppchen reifer Walderdbeeren vorüber führte. Ich überquerte die Straße, passierte das Holzknechtmuseum und folgte der Forststraße die Schwarzachen entlang zur Schwarzachenalm. Das zieht sich und ich lechzte nach einem Bad. Ich riss mich aber zusammen und wartete damit bis zur Alm, um dann auch gleich Brotzeit zu machen. An der Alm waren weder Kühe noch Leute und ich suchte mir eine schöne Flussbiegung, um mich niederzulassen. Ich gönnte mir ein kurzes, sehr kaltes Bad und ließ mich dann zu einem gemütlichen Päuschen mit Brot und Käse nieder. Eine kleine Eidechse gesellte sich einen Meter weiter auf einem Stück Totholz dazu und gemeinsam chillten wir in der Sonne.
Ich packte schließlich mein Zeugs zusammen – behutsam, um meine kleine Freundin nicht bei ihrem Sonnenschläfchen zu stören – und füllte meine Flaschen im Fluss auf. Die Eidechse chillte weiter. Ich verabschiedete mich von ihr und folgte weiter der Forststraße, bis rechter Hand in einer Kurve ein Pfädchen hinauf auf den Kaserkopf abzweigte. Dieser Steig ist auch eine steile Geschichte mit schier endlosen Kehren und rauflustigen Ameisen, aber es sind zweihundert Höhenmeter weniger und ich hatte an diesem Tag auch noch keine anderen Gipfel erklommen – es ging also. Ich hatte oben eine kleine Pause machen wollen, ging aber stattdessen gleich weiter. Ich wusste schon von einer April-Tour, dass hinten vor dem Graben, den der Steig durchquert, auch einiges an Schneebruch lag und so gab es wieder eine kleine Kletterei, aber harmlos. Ich mag dieses Steigerl, es ist unspektakulär aber doch reizvoll – und man begegnet nie jemandem.
Ich passierte das Litzlbachhörndl und kam zu der sagenhaft schön gelegenen Altrett-Diensthütte. Ich hatte eigentlich dort übernachten wollen – mit weicher winziger Wiese, Brunnen, Tisch und Bank ein komfortables Plätzchen, dazu die Aussicht – doch war es erst siebzehn Uhr, die Sonne würde aber trotzdem bald hinter dem Unzentaler Riedl verschwinden und der nächste Tag hätte wieder zwei Gipfelanstiege mit insgesamt 1700 Höhenmetern. Ich beließ es also – innerlich etwas seufzend ob des verpassten Luxus – bei einem kurzen Trink- und Auffüll-Päuschen und schlug mich dann in die Büsche, auf ein Pfädchen hinunter zum Verbindungssteig. Auch hier gab es reichlich Schneebruch, das wusste ich, aber es waren schon genügend Leute dort abgestiegen, die eine gut zu verfolgende Spur durch das nicht so ausgeprägte Chaos hinterlassen hatten.Ich erreichte kurz darauf den breiten Weg zur Sellarnalm und folgte ihm dorthin. Die Sellarnalm bietet einen fantastischen Blick zu den Loferer Steinbergen – doch durch den vielen Regen der vorangegangenen Tage glich die Landschaft einer Waschküche und es war so dunstig, dass man die Loferer kaum ahnen konnte. Vor der Almhütte saßen vergnügt zwei junge Frauen bei der Abendbrotzeit (ein schönes Bild), auf der Wiese grasten friedlich ein paar Kühe.
Ich war trotz des dicken Rucksacks gut in Schwung, die auf den Schildern angegebene Zeit hatte ich gar nicht benötigt. Nun kam der Aufstieg aufs Ristfeuchthorn über einen schönen Steig – mit Zeckenalarm auf ganzer Strecke. Ich wurde kaum fertig mit Absammeln. Im oberen Abschnitt dominieren knorrige Kiefern den Bergwald und auch den Fichten sieht man an, dass sie einigem standhalten müssen.
Es wurde wieder ein bisschen zäh, die Beine mochten nicht mehr so recht und ich blieb öfters stehen. Bei einer solchen Gelegenheit raschelte es ein paar Meter weiter im Gesträuch und ein Birkhuhn flog auf. Oben windet sich der Pfad noch ein ganzes Stück durch dichte Latschen, bis man das Gipfelkreuz mit Bankerl erreicht. Zum Glück niemand da. Aber ein kalter Wind, hui. Schnell die langen Sachen anziehen und den Poncho. Ich suchte und fand eine sehr bequeme Stelle im kurzen Gras (hier keine Zecken, so der Glaube) hinter der Bank und breitete mich aus. Der fast volle Mond erschien über der Reiteralpe, rot wegen der dicken Dunstschicht. Ich setzte mich im Schlafsack auf die Bank mit dem täglichen Apfel und einem Knabbertütchen und sah dem Mond beim Wandern zu. Wir Wanderer unter uns.
Der Wind ließ mich trotz Schlafsack ganz schön frösteln und ich verzog mich sodann von der Bank herunter in eine Etage tiefer, wo ich ihm nicht ganz so ausgesetzt war. Ich kuschelte mich rein und entschlummerte. Als ich wieder aufwachte, war der Mond ein Stück weiter gewandert und der Wind zu einem Lüftchen geworden. Na also. Ich schlief wieder ein.
