Fairyland

Ein Samstag im Februar, am Vortag war Schnee gefallen. Ein paar Zentimeter nur, doch waren alle Bäume ganz zauberhaft weiß. Der Tag versprach sonnig zu werden und ich wollte ins Wimbachgries. Grödeln für die vereisten Wegabschnitte und Schneeschuhe lagen noch im Auto, ich nahm den gepackten Rucksack und fuhr los. Als ich die Straße zur Schwarzbachwacht hinauffuhr, hatte ich freien Blick auf den Eisberg und den Eingeschossenen Steig. Wunderschön sah das aus, die Bäume oben am Berg frisch beschneit. Mir kam der Gedanke, ob der Eingeschossene Steig in diesem trockenen, schneearmen Winter nicht gehbar sein müsste. Hm. Ich fuhr am Parkplatz Wachterl vorbei. Und wendete. Nicht schon wieder Wimbachgries. Ich würde mir den Steig vom Wandfuß aus ansehen und einschätzen und könnte dann immernoch über den Wachterlsteig auf die Reiteralm, wenn mir der Eingeschossene Steig zu heikel vorkäme.


Ich parkte das weiße Mobil und ging los. Drei andere Autos standen schon da, die Fußspuren auf dem Weg bogen aber alle ab ins Schwarzbachtal, vor mir war der Schnee unberührt. Ich kam nach einer Weile an den Abzweig zum Eingeschossenen Steig und begann den Aufstieg durch den Wald. Die Schneeschicht war dünn, gute Voraussetzungen. Ich erreichte schließlich die Wand. Große Eiszapfen hingen darin, weiter oben bildete das Eis eine dicke Schicht. Am Wandfuß lagen, vom frischen Pulverschnee halb verdeckt, mächtige Brocken herabgestürztes Eis. Da möchte man zum Zeitpunkt des Ereignisses nicht dort stehen. Es ging einen steilen Schuttkegel hinauf, ein ziemliches Gerutsche und Gestolpere im stellenweise dann doch tief angewehten Schnee. Aus einiger Entfernung beäugten mich zwei Gemsen. Ich kam zu einem kleinen Wandüberhang, in dem zahlreiche Eiszapfen glitzerten. Ich turnte ein Weilchen dort herum und fotografierte. Da wäre die gute Kamera jetzt schön gewesen. Unter dem Überhang war der Boden schneefrei und ich nutzte die Gelegenheit, um die Grödeln anzulegen (die alten mit den langen Zacken). Damit hatte ich einen viel besseren Grip und ich stieg den Kegel rutschfrei weiter hinauf zum Anfang des Eingeschossenene Steiges. Gemsenspuren führten ihn entlang, auch eine der zwei Neugierigen war ihn vor mir leichten Fußes hochgesprungen. Er war schneebedeckt, sah aber nicht vereist aus. Ich hielt mich gut am Stahlseil fest, das Steigerl ist schmal, und stieg aufwärts. An einer Stelle waren Steig und Seil dann tatsächlich von einer dicken Eisschicht überdeckt, ich trat die Eisenzacken fest hinein und stieg vorsichtig hinüber. Dann war ich auch schon durch die Wand und folgte dem sich windenden Steig aufwärts. Hier oben lag nun deutlich mehr Schnee und der Verlauf des Steiges war teils gar nicht so leicht zu erkennen. Ich fand mich zwischen Latschen wieder, versank knietief darin und stellte beim Blick aufs Handy fest, dass ich zu weit oben war. Allerdings ist das Handy-GPS ja oft recht großzügig, metergenau darauf verlassen kann man sich nicht. Weiter unten sah es auch nicht verlockend aus, ich tauschte also Grödeln gegen Schneeschuhe und beschloss, auf meiner Höhe zu dem Buchen-Lärchenwäldchen zu queren, durch das der Steig führt.

Währenddessen hatte ich immer wieder das Spiel von Nebel und Sonne auf den umliegenden Bergen beobachtet. Ein Streifen Lärchen in der Ostflanke des Zirbenecks tauchte auf, zögerlich tasteten sich Sonnenstrahlen dorthin. Es sah fantastisch aus.
Mit den Schneeschuhen kam ich ganz gut voran und erreichte das Wäldchen. Von da ging es hinauf ins Kar. Flankiert von der mächtigen Wand des Eisbergs ragte es steil und baumlos vor mir auf, bei größerer Schneemenge viel zu lawinengefährlich. Auch jetzt hätte ich nicht abrutschen wollen, da bekommt man schnell ein unkontrollierbares Tempo hinunter zu Bäumen und Felsbrocken. Eingedenk dessen trat ich bei jedem Schritt fest auf, sodass die Krallen der Schneeschuhe in der festen unteren Schneeschicht Halt fanden.

Ich blieb immer wieder stehen, um die Wand des Eisbergs mit ihren fantastischen Verformungen zu betrachten, an denen ich mich jedesmal kaum sattsehen kann. Durch den Schnee waren die kurvenreich verbogenen Schichten noch deutlicher sichtbar. Fünf Gemsen kletterten in der Wand herum.

Ich stieg in Serpentinen höher, es war ganz schön anstrengend, nicht viel gewöhnt diesen Winter. Die Bäume oben am Rand des Kars leuchteten in der Sonne und ich freute mich darauf, bald ebenfalls in der Sonne zu stehen, denn bisher war ich – Nordseite halt – im Schatten gewesen.
Eine kleine Staubwolke kam eine Felsstufe herab und nach ein paar Metern gleich zum Erliegen – wundeschön und viel zu flüchtig, als dass ich sie hätte fotografieren können. Wie gesagt – bei größerer Schneemenge möchte ich nicht in diesem Kar herumsteigen.

Ich sah linker Hand am Berg die Höhle, in die ich seinerzeit mit Willi nach mühsamer Kletterei einen Blick geworfen hatte, während Tine uns von unterhalb kopfschüttelnd zusah.
Ich erklomm den letzten Absatz an einer mächtigen Zirbe vorbei und stand im sogenannten Baumgarten, einem äußerst malerischen Fleckchen, daher der Name. Hier flutete die Sonne nun durch die beschneiten Bäume, dass es eine Pracht war. Schneekristalle glitzerten in der Sonne und es funkelte auf allen Ästen. Ich war in eine Zauberwelt geraten! Ziehende Nebelschwaden änderten ständig die Stimmung, verliehen der Szenerie etwas Traumartiges. Kein Laut war zu hören, nur meine Schritte. Ich war hingerissen. Ich sah mich nach allen Seiten um. Soviel Schönheit. Vor allem die großen Zirben sahen aus wie einer uralten Erzählung entsprungen.

Ich ging weiter Richtung Eisbergalm. Ich hätte bei jedem Schritt stehenbleiben und fotografieren mögen, musste dazu aber immer die Handschuhe ausziehen und die Luft hatte doch ein paar Grad unter Null.
Ich sah schließlich die kleine Jagdhütte. In einen feinen Nebelschleier gehüllt wirkte sie entrückt, gleichzeitig sah sie sehr verlockend aus: Brotzeit. Ich schritt durch die unberührte weiße Pracht zur Hütte hin. Tauender Schnee auf der Bank, wie suboptimal. Ich wischte ihn zur Seite und stieg dann erstmal aus den Schneeschuhen. Ich hatte schon im Kar immer wieder Krämpfe im rechten Fuß verspürt, da tat es wohl, die starren Schneeschuhe auszuziehen und die Füße zu bewegen. Ich legte mein Sitzkissen auf die Bank, setzte mich zur Brotzeit und hängte das Handy an die Powerbank. Ich hatte freien Blick auf die unterhalb liegende ehemalige Almwiese, über die von der Eisbergscharte her der Nebel zog. Der Gipfel des Edelweißlahner tauchte auf, verschwand wieder. Die Sonne wärmte schön, verschwand wieder. Es war ein faszinierendes Spiel. Allmählich setzte sie sich dann doch durch und Edelweißlahner und die niedrigere Hüfelwand kamen ganz hervor. Ich holte mein Fernglas heraus. Am Grat der Hüfelwand standen einige markante Lärchen, dick vereist, die bekamen ja ständig den ziehenden Nebel ab. Auf einer abgebrochenen Spitze saß ein großer dunkler Vogel, Rabe oder wohl eher Tannenhäher. Das sah ganz wunderbar aus, aber für ein Foto hätte ich ein starkes Teleobjektiv gebraucht. Im Geäst um mich her hatten sich einige Meisen niedergelassen und zwitscherten in Vorfrühlingsstimmung.

Nach einem Stünderl Pause – es saß sich so schön in dieser glitzernden, einsamen Märchenwelt – packte ich zusammen und brach auf. Ich stapfte hinunter zur Eisbergalm, in respektvollem Abstand vorbei an dem Schacht, in dem vor ein paar Jahren ein Höhlensystem erforscht wurde.
Wie der Funtenseekessel ist auch die Eisbergalm ein kleines Talbecken, in dem sich die Kaltluft sammelt. Es war eisig. Mir war das vor ein paar Jahren einmal aufgefallen, als ich im Herbst mit Rainer dort vorbei gekommen und im Kaltluftsee am Talboden alles dick bereift gewesen war. Außerdem erreicht die Wintersonne den Talboden nicht, was zur Eisigkeit beiträgt. Ich schlotterte, machte dennoch ein paar Fotos: Der Übergang von Sonne zu Schatten sah fantastisch aus! Dann folgte ich dem Steig, der quer durch den alten Zirbenwald über die ehemalige Grünangeralm zum Wachterlsteig führt. Den kenne ich gut, ich bin ihn in Sommer und Herbst schon oft gegangen. Und doch hätte ich ihm ohne Handyapp nicht folgen können.

Gleich nach der Almwiese versank ich trotz der Schneeschuhe knietief im weißen Pulver. Dass hier oben deutlich mehr Schnee liegen würde als unten war ja klar gewesen. Aber dass es keine tragende Unterschicht gab sondern alles luftiger Pulverschnee war, das überraschte mich. Da brauchte es nun vermehrt Stockeinsatz und meine dünnen Ärmchen ächzten alsbald. Immer wieder musste ich stehenbleiben und Wegverlauf und Richtung überprüfen. Die Sonne stand längst tiefer und erreichte mich nicht mehr. Die Hochfläche – oder besser ausgedrückt die Schüssel – der Reiteralpe besteht im nordöstlichen Teil aus zahllosen Eintalungen und kleinen und größeren Erhebungen, felsdurchsetzt und bestanden mit einem Lärchen-Zirbenwald. Dieser Strukturreichtum macht sie so zauberhaft, hat aber den Nachteil, dass alles überall ziemlich gleich aussieht und man sich prima verlaufen könnte, wenn man das Steigerl verlöre. Im Sommer ist es gut zu verfolgen – bei Schnee ist das eine ganz andere Geschichte. Ich kenn ja so einige markante Punkte, die mir im Gedächtnis geblieben sind und die ich auch jetzt wiedererkannte. Aber wäre ich vom Steig abgekommen, wäre ich an diesen Punkten gar nicht vorbei gekommen. Ich checkte also immer wieder gegen. Und bewegte mich konzentriert und überlegt. Steilere Abstiege umging ich oder tastete mich hinunter -im tiefen Pulver könnte man auch mit Schneeschuhen abfahren, wenn’s steil genug ist. Aber eine blöde Verletzung am Bewegungsapparat und ich hätte mutterseelenallein da oben ein ernsthaftes Problem. Kein Handyempfang. Ein gewisses mulmiges Gefühl im Hinterkopf begleitete mich daher und ich passte schön auf.

Ich kam zur Grünangeralm, im Sommer ein liebliches Plätzchen. Jetzt sah die unberührt weiße, sonnenlose Fläche etwas eintönig aus.
Von der Grünangeralm führt auch ein direkterer Pfad zum Wachterlsteig. Diesen bin ich aber bislang nur einmal gegangen, daher folgte ich auch diesmal dem gewohnten. Es ging auf und ab, hier und da ein paar Gemsenspuren, sonst unberührtes Weiß. Die mager gewordene Sonne verabschiedete sich irgendwann ganz.
Kurz nach der Stelle, an welcher das alte Pfädchen auf den Wachterlsteig trifft, führt dieser in ein feuchtes Wiesentälchen hinunter und macht dort einen scharfen Knick. Wegen der fortgeschrittenen Zeit suchte ich nach einer Abkürzung hinunter, fand aber erst im dritten Anlauf eine Möglichkeit und hatte somit keine Zeitersparnis. Glücklich auf dem Wachterlsteig sah ich eine alte verschneite Skispur und eine ebenso verschneite undeutliche Fußspur – ich war wirklich ganz alleine da oben. (Zumindest im nicht-militärischen Bereich) Auf diesem gut sichtbaren Steig kam ich nun viel besser voran, doch senkte sich allmählich die Dämmerung herab. Ich wollte es wenigstens bis zum Beginn des Abstiegs ohne Handylampe schaffen (die Stirnlampe lag zuhause und die Minilampe am Autoschlüssel lässt sich auch nicht am Hirn befestigen). Schneeschuhgehen auf holperigem schmalen Steig, in einer Hand dann beide Stöcke, in der anderen die Handylampe – wäre ziemlich blöd. Ich beeilte mich also so gut das ging und so gut es meine etwas müden Beine mitmachten. Es war längst komplett dunkel, als ich mich dann endlich an den Abstieg machte. Durch den Schnee und dadurch, dass die Markierungen an den Bäumen rot-weiß waren, ging das eine ganze Weile ohne Handylicht, aber irgendwann wurde es zu mühsam. Vom Steig abkommen wäre auch da keine gute Option gewesen. Ich nahm also die Schneeschuhe ab und befestigte sie am Rucksack, es lag hier nicht soviel Schnee wie oben auf der Hochfläche. Ich machte das Handylicht an – gleich viel besser – nahm die Stöcke in die linke Hand und stieg weiter ab. Oha – ganz schön rutschig ohne Schneeschuhe, da musste ich erstmal in den Tritt finden.

Tief unten sah ich die Lichter vom Gasthaus Wachterl. Sehr tief unten, da hatte ich noch was vor mir. Der Blick tat sich auf zum Baumgartl hinüber und zum Eisberg. Ein heller Stern stand darüber, schön.

Und so folgte ich Kurve um Kurve den schier endlosen Serpentinen. Schnee rieselte von Ästen, die ich streifte, und die erleichtert hochschnellten, nachdem sie ihre Last in meinen Kragen abgeworfen hatten. Meine Rückenmuskeln schmerzten vom Rucksackgewicht, die sind auch nichts mehr gewöhnt, und immernoch waren die Lichter weit weit unten.
Aber irgendwie war es natürlich schön in der klaren Nachtluft im Bergwald, es ist ja immer mindestens beides (sonst täte man es auch nicht).
Endlich kam ich unten an den breiten Zuweg, von dem ich am Morgen abgezweigt war. Von da waren es noch knapp zwei Kilometer, dann erreichte ich mein Auto mit seiner wunderbaren Sitzheizung.