Wilder Bergwald Kataloniens

Balneari de Cardó

Das verlassene Kurbad Balneari de Cardó

Ich habe mein Herz verloren. Das geschah irgendwo zwischen Thymian und Rosmarin, zwischen goldgelber Felsenküste und mächtigen Bergflanken, zwischen Zypressen und Olivenhainen. Im Meeresrauschen ist es mir abhanden gekommen und im Gesang der Nachtigall, aber vor allem war es der zarte Duft der silbernen Kiefer, der es davongetragen hat, und ich ließ es gerne geschehen…

Seit vier Tagen sind wir in Katalonien. Nach drei ausgedehnteren Touren in den Bergen und die Küste entlang haben wir es heute ruhiger angehen lassen. Meine Freundin Christa und ich sind mit dem kleinen Schwarzen zu dem Bergdorf Rasquera gefahren und dann eine windungsreiche steile Straße zum Balneari de Cardó. Auf der kam uns weit auseinander gezogen eine Horde lebensmüder Rennradler entgegen, so dass ich vor jeder unübersichtlichen Haarnadelkurve die Hupe bearbeitete und im Schneckentempo vorsichtig um die Ecke kroch, um nicht einen von ihnen über die Motorhaube in den Abgrund zu befördern. Locos!

Immer höher schraubte sich die schmale Straße, durchbrach in einem kurzen Tunnel eine mächtige Felswand und gab einen fantastischen Blick auf das ehemalige Kurbad hoch über dem Tal frei. Wie ein Adlernest thront es auf einem Felsband, verlassen, dem Verfall preisgegeben, doch immernoch majestätisch.


Wir parkten neben dem Absperrgitter, welches das marode Anwesen vor meiner und anderer Leute Neugier schützt, und spähten etwas sehnsüchtig durch die Maschen – nichts zu machen… Also lenkten wir unsere Schritte bergwärts, wo etwas höher auf einem Felssporn sehr malerisch die Ermita de Sant Simeó auf uns wartete. Einsiedeleien sind in den Bergen der Costa Daurada nun wirklich keine Seltenheit, doch ist diese ganz besonders idyllisch und schmiegt sich zudem dreistöckig an den Felsen – ein Schmuckstück!

 

Wir stiegen eine Weile dort herum, genossen den herrlichen Ausblick ins Tal und witzelten über den Einsiedler, dem wir gesellige Abende im Sonnenuntergang mit den Genossen aus den umliegenden Einsiedeleien unterstellten. Während ich noch damit beschäftigt war, den schönsten Blickwinkel für DAS Foto zu finden, las Christa im treuen Reiseführer den Weiterweg nach. Dieser führte durch einen verwunschenen, wilden Steineichenwald in großzügigen Serpentinen den Berg hinauf.

Efeu umschlang die Bäume und hing in langen Ranken herab. Buchs und Eibe wurden von zarten Felsenbirnen abgelöst, als wir höher kamen. Auf einer Steinbank unter einem Felsüberhang machten wir ein kleines Päuschen.

Es begann zu nieseln.

Ein paar Schritte weiter kamen wir an eine freie Stelle mit wunderbarem Panoramablick hinunter zum Kurbad, welches wir inzwischen schon ganz schön weit unter uns gelassen hatten.

Es nieselte weiter.

Bald kamen wir auf den Grat und vor uns tat sich der Blick nach Süden auf, wo sich baumlos die Bergflanke hinunter zog und hinüber zu anderen Graten und Gipfeln, weit und immer weiter. Hier war sie wieder, die kräuterduftende mediterrande Flora, und ich schwelgte in Farben und Düften, strich mit der Hand über Thymian und Rosmarin, konnte mich nicht satt sehen an Affodil, wilden Tulpen und Zistrosen.

Auf dem Gipfel machten wir wieder ein Päuschen, doch blieb der leichte Nieselregen hartnäckig, so dass wir uns wenig später auf den Rückweg machten, Christa in Führung, ich mit wechselndem Abstand hinterher. Hätte sie nicht zuverlässig für den Vorwärtsgang gesorgt, würde ich wohl immernoch dort oben fotografieren, staunen, schnuppern.

Wieder schlängelten wir uns durch ein Dickicht aus Ranken und Büschen, bis wir auf einen blumengesäumten Forstweg trafen. Wir kamen an einem runden Mirador vorbei mit herrlichem Blick sowohl auf das Kurbad als auch auf die Luxus-Einsiedelei, die wirklich besonders malerisch ist.
Auf dem Weiterweg ignorierten wir verschiedene verlockende Pfade, die seitlich der Forststraße bergab führten – wer weiß, wohin? – und kamen schließlich wieder zum kleinen Schwarzen am Gitterzaun, welcher sich inzwischen leider nicht plötzlich aufgetan hatte. Wieder spähten wir hindurch und seufzten über die ungeahnten fotografischen Schätze, die dahiner verborgen liegen mochten, dann stiegen wir ins Auto und fuhren die spektakuläre Bergstraße in ihren langen Windungen hinab nach Rasquera.