Um den Kahlersberg herum durchs Hagengebirge

Sonnenaufgang im Kahlersbergnieder

Sonnenaufgang im Kahlersbergnieder

Das Hagengebirge fasziniert mich in seiner unzugänglichen Weite. Ein größtenteils menschenleeres Eck, was bei uns ja nun wirklich selten ist. Es ist mühsam, hinauf zu kommen, so dass man schon mindestens zwei Tage zur Verfügung haben muss, um nicht nur den äußersten Rand zu streifen. Wasser gibt es in dem Karst allerdings nur an ganz wenigen Stellen, und das begrenzt den Forscherdrang erheblich, vor allem an heißen Tagen. Ich mag die Gegend um den Kahlersberg sehr gerne und bin dort inzwischen schon öfters herumgestiegen. Nun wollte ich von dort ein Stück weiter in die wilde Landschaft hineinwandern.

Ich begann meine Tour wie so oft mit einer Bootsfahrt am frühen Morgen über den Königssee nach Salet. Ich stieg auf dem Kaunersteig – von dem aus man immer mal einen schönen Blick auf den türkisfarbenen See hinunter hat – durch den Wald hinauf zur Regenalm. Dort gibt es einige alte Trockensteinmauern, von denen sich eine einen ganzen Kilometer weit durch den Wald fortsetzt. Wie mühsam muss es in diesem unwegsamen Gelände gewesen sein, die zu bauen!
Bei den Hütten traf ich auf zwei Pferde, die hier ihre Sommerferien verbringen. Die waren mir im Jahr vorher schon dort begegnet, sie dürfen wohl hier jeden Sommer ein bisschen Freiheit genießen.

Von der Regenalm wanderte ich weiter zum Landtal. Diesen Pfad hoch über dem Tal in der Wand mag ich auch ganz besonders. Man hat einen fantastischen Blick nach Süden über das Landtal hinüber zum Funtenseetauern und sogar bis zum Wildalmkirchl. Nach Osten schaut man auf die Wand des Kahlersberges und auf die Hochsäulwand, zwischen denen der Eisenpfad steil hinauf in den Bärensunk führt. Da musste ich mich natürlich ein bisschen an den Wegesrand setzen und mit meinem kleinen Superfernglas in die Landschaft schauen. Tatsächlich sah ich dabei am Kahlersberg eine Gemse – Steinbock leider keinen.

Ich folgte dem Pfad hinunter ins Landtal. Ich hatte mir beim Aufstieg vom Königssee ein bisschen Mühe gespart, indem ich zuhause nicht alle Wasserflaschen gefüllt hatte. Vor dem Eisenpfad musste ich sowieso nochmal auftanken – die verfallene Landtalalm mit der frischen Quelle liegt nur einen kleinen Umweg entfernt ein Stück bergab. Dort machte ich auch gleich ordentlich Brotzeit, dann ging ich wieder hinauf zur Abzweigung und zum Eisenpfad. Auch von diesem hat man einen herrlichen Blick auf die umliegenden Berge. Je höher man kommt, desto weiter und beeindruckender wird das Panorama. Der Watzmann taucht auf, in der Ferne der Große Hundstod, die Schindelköpfe, der Funtenseetauern – man wird gar nicht fertig mit Schauen. Außerdem kann man dabei prima verschnaufen, denn das Gelände ist steil.
Der alte Wanderweg, dessen Spuren sich allerdings schnell im Geröll verlieren, folgt der Wand des Kahlersberges im Bogen nach Norden. Ich stieg jedoch südlich am Loskopf und der Bärensunkalm vorbei durch ein Schuttkar zum Hochsäul. Von dessen östlicher Flanke hat man einen super Blick auf das Laubseelein und weit, weit übers Hagengebirge hinweg. Episch! Außerdem sitzt man da inmitten kleiner, weißer Sterne – Edelweiß! Natürlich vertrödelte ich da ein bisschen Zeit mit Schauen und Blumenfotos. Außerdem war ich mir nicht so recht schlüssig, wohin ich weitergehen sollte. Ich hatte ja zu den Hochfeldköpfen gehen wollen, zumal es dort eine zum Biwakieren geeignete Höhle geben soll. Was noch lange nicht heißt, dass man die dann auch findet. Doch war es bis zu den Hochfeldköpfen noch ganz schön weit – wobei da weniger die tatsächliche Entfernung eine Rolle spielt als vielmehr die Unwegsamkeit des Geländes. Das war da ziemlich zerfurcht und die Hochfeldköpfe fallen nach Norden in einer Wand ab, da hätte ich ganz schön weit ausholen müssen, um diese östlich zu umgehen. Die Höhle soll auf der Südseite sein. Für dieses Unterfangen neigte sich die Sonne schon zu sehr abwärts. Klar – man kann überall biwakieren, wo es einigermaßen gemütlich ist, auch wenn man das eigentliche Ziel nicht erreicht. Ich beschloss aber, stattdessen weiter nach Osten um die Kragenköpfe herum und dann nach Norden ins Kahlersbergnieder zu gehen.

Ich freute mich wie ein Schneekönig, als ich oberhalb des Laubseeleins über die Felsen stieg. Es ist ja immer besonders spannend, wenn man sich in Gegenden bewegt, in denen man noch nicht war.

Wenn man von weiter oben auf die Felswildnis schaut, kann man sich in Geiste ganz wunderbar einen prima Weg durch das Gewirr suchen. Sobald man aber zwischen den Felsen steckt, ist es mit der vorher ausgeguckten Strecke vorbei. Plötzlich sieht alles ganz anders aus, findet man sich in Gassen wieder, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat, sind markante Geländeformen verschwunden, an denen man sich eigentlich orientieren wollte. So kam es, dass ich irgendwann bei all den größeren und kleineren Erhebungen um mich herum nicht mehr sagen konnte, welche davon die Kragenköpfe waren. Das war ja auch nicht so wichtig – die Landschaft war einfach großartig, das freie Wandern in dem weglosen Gelände machte so richtig Spaß, und so kam ich eben etwas weiter nach Osten um irgendwelche anderen Köpfe herum. Ich bog schließlich nach Norden ab und kam hoch genug aus dem Karstgewirr heraus, dass ich in einiger Ferne den Gipfel des Kahlersberges sehen konnte. Daran orientierte ich mich und ging nun westlich in dessen Richtung.

Von weitem sieht man ja immer mal ein bisschen Grün zwischen den Felsen, doch gibt es tatsächlich nur sehr wenige Stellen, die eben und groß genug zum Biwakieren sind, selbst für eine einzelne eher schmale Person. An der einen oder anderen kam ich vorbei, hm, naja, nicht so wirklich reizvoll, zumal vom Tag noch ein bisschen was blieb, um weiter zu gehen, auch wenn die Sonne schon tief stand. Ich kletterte weiter felsauf und felsab, kam am Vorderen Kragenkopf vorbei und dann ins Kahlersbergnieder. Dort, an der tiefsten Stelle zwischen dem Grat des Kahlersberges und den Kragenköpfen, findet sich eine kleine, feine Grasfläche. Gerade groß genug, um dort bequem einen Schlafsack ausbreiten zu können. Dort hatte ich im vorherigen Sommer schon mal eine wunderbare Vollmondnacht verbracht, und dieses Grasstückchen suchte und fand ich jetzt auch.
Zufrieden und müde breitete ich in der untergehenden Sonne mein Zeugs aus, futterte meine Abendbrotzeit und schlüpfte in den Schlafsack. Sehr gemütlich! Ich schlief ziemlich schnell ein, wachte während der Nacht die üblichen zwei, drei Mal auf und hatte insgesamt eine relativ kurze, aber erholsame Nachtruhe.
Ein ergreifender Augenblick ist immer der Sonnenaufgang, wenn der Himmel hinter fernen Gipfeln in sattem Orange flammt. Glücklicherweise wache ich eigentlich immer genau dann auf, so auch diesmal. Ich schwelgte in dem Anblick des glühenden Horizonts, tiefste Stille um mich. Das sind Augenblicke, deren Tiefe ich noch nach Jahren in der Erinnerung nachspüren kann…

Nach einer Weile kuschelte ich mich zu einem letzten Ründchen Schlaf wieder in die warme Hülle. Als ich erneut erwachte, war die Sonne schon so weit gestiegen, dass ihre Wärme zum Frühstücken reichte. Das ist auch ganz wunderbar: Noch etwas zögernd schält man sich aus dem warmen Schlafsack, zieht sich fröstelnd was Warmes drüber. Das Wasser in der Flasche ist saukalt, das taunasse Gras und die Felsen außenrum auch. Man breitet den Schlafsack über einen Felsen zum Auslüften – und futsch ist die schöne Wärme darin. Man kramt die Frühstückssachen hervor und sucht sich ein möglichst sonnenbeschienenes aussichtsreiches Plätzchen, das dünne frühe Sönnchen wärmt noch nicht so recht. Doch das ändert sich merklich, während man genüsslich in Pfirsich und Käsebrot beißt, vielleicht sogar einen süßen Quark löffelt. Nach und nach legt man die Schichten ab, aalt sich in der Morgensonne… und dann wird’s auch schon Zeit für die Sonnencreme, schließlich ist die Haut schon vom Vortag etwas gestresst.

Beim Frühstücken ließ ich den Blick in die Ferne schweifen und verglich das, was ich da sah, mit der Karte. Ich war im Jahr vorher von dieser Stelle aus geradewegs nach Norden marschiert – so geradewegs, wie das in dem Gelände halt möglich ist. Da hatte ich mich allerdings durch einiges Latschengewirr kämpfen müssen, das war mir als ziemlich beschwerlich und unangenehm in Erinnerung. Also wollte ich diesmal am Fuß des Kahlersberges entlang nach Westen gehen, dann nach Norden abbiegen und der Kette von Hochsoienkopf, Schlumkopf und Windschartenkopf folgen.

Ich packte meine Sachen zusammen, was ja immer ein Weilchen dauert, dann lud ich mir den Rucksack auf die Schultern und begann den Abstieg vom Grat. Unten folgte ich ein ziemlich langes Stück einer Gasse, in der auch ein paar vereinzelte Steinmännchen standen. Dann überstieg ich immer wieder mal ein paar Felsen, fand aber stets ganz passable Routen, es war ein Genuss, so durchs Gelände zu stromern! Bei einem Trinkpäuschen entdeckte ich in der Flanke des Kahlersberges zwei Steinböcke und etliche Gemsen und beobachtete sie ein Weilchen durchs Fernglas.

Ich wanderte in nordwestlicher Richtung parallel zum Gratverlauf des Kahlersberges und bog dann, als ich mich dem Hochsoienkopf näherte, nach Norden ab. Genau in dieser Kurve war das Gelände weniger zerfurcht mit größeren Grasflächen, und da sah ich plötzlich nicht weit von mir ein Zelt stehen und ein Stück dahinter noch eines. Graugrün, daher nicht sofort ins Auge fallend. Sowas wie Neid erwachte in mir – da verbrachte doch tatsächlich jemand längere Zeit in dieser wunderschönen einsamen Natur! Ein kleiner Trampelpfad führte von den Zelten herüber und verlor sich dann zwischen den Felsen. Ich folgte ihm, denn die Richtung stimmte, und wandte mich dann zu dem flachen Sattel zwischen Hochsoienkopf und Schlumkopf. Auch hier wuchs viel Gras zwischen den Steinen, und plötzlich bewegte sich dieses vor meinen Füßen, als eine Kreuzotter eilig die Flucht ergriff. Gut für uns beide, dass sie mich bemerkt hatte, denn ich wäre genau drauf gestiegen. Ich schaute noch ein bisschen, ob ich sie nochmal sehen würde, aber sie hatte sich zwischen den Steinen verhuscht und da ließ ich sie in Ruhe.

Ein bisschen vorsichtig ging ich weiter – die könnte ja Verwandtschaft haben – und stieg auf den Hochsoienkopf. Neugierig, wie ich bin, wollte ich mir das Zeltlager von dort oben anschauen. Es lag genau unterhalb. Und war ganz schön groß. Höhlenforscher waren das, 7 Zelte und ein großes Tarp, und auf den Felsen rundum lagen rote Höhlenanzüge zum Trocknen. Einige Leute wuselten herum. Ich machte an Ort und Stelle Mittagsrast, ging dann wieder hinunter auf den Sattel und von da auf den Schlumkopf und Windschartenkopf. Ich kam an einer Wetterstation vorbei, an der gerade zwei Herren die Daten ablasen, sichtlich überrascht von meinem plötzlichen weglosen Auftauchen.
Leider sah ich diesmal keine Steinböcke am Windschartenkopf – da sind ja meistens irgendwo welche. Ich stieg ab zur Windscharte und überlegte, ob ich nun den gewohnten Weg über den Schneibstein nehmen oder es über’s Reinersbergbruggl versuchen sollte. Auf den Schneibstein mit dem ausgelatschten steilen Weg zum Stahlhaus hatte ich keine Lust, zumal der stark frequentiert ist, was ich nach meiner Bergeinsamkeit nicht brauchen konnte. Das Reinersbergbruggl wollte ich sowieso längst mal ausprobieren, also los. Ich stieg den steilen Hang am Reinersberg hinunter, ein paar Gemsen aufscheuchend. Es fanden sich Spuren im Gelände, die ich großzügig als „Weg“ einordnete, die aber genausogut von Gemsen sein konnten. Schließlich kam ich zu einer Stufe im Gelände, die dummerweise ziemlich mit Latschen bestanden war. Auf der Karte führte der – bis dahin immerhin zart gepunktet eingezeichnete – Weg ziemlich weit rechts hinunter. Ich suchte ein Weilchen hier und dort nach einer Möglichkeit nach unten, das war aber alles nicht verlockend. Schließlich schlitterte und stieg ich hart an der Bergflanke herunter, das war aber eindeutig zu weit rechts, denn es wurde sehr steil und abenteuerlich. Gut, das nächste mal also doch durch die Latschen, aber unten war ich nun. Es folgte ein längeres Stück durch Gras und Geröll mit einigen wirklich herrlichen Biwakplätzen. Moosig-grasig weich, schön eben… und leider an der falschen Stelle.
Ab hier fand sich ein deutlicher Pfad.
Ich kam an einer Schachthöhle vorbei, in die ich einen Stein warf (wie wahrscheinlich die meisten anderen Wanderer auch, der Mensch ist neugierig). Dauerte eine gewisse Weile, bis er aufschlug und dann noch mehrmals in der bodenlosen Schwärze polterte. Tiiief – Neugier befriedigt.
Der Pfad windet sich um den Reinersberg herum und führt dann vom Weidevieh ausgetreten zur Königstalalm. Man kommt an einem Quellbach vorbei – herrlich frisch und kalt nach der langen Strecke! Um die Königstalalm verstreut fand sich eine Herde Kühe, die mit den unterschiedlich tönenden Glocken ein schönes Konzert in den Nachmittag malte. Ich blieb ein Weilchen stehen und lauschte – Sommerklänge…

Nach der Königstalalm kam ich auf die Forststraße, die vom Stahlhaus herunter kommt. Von da an war der Weg altbekannt – ein laaanger Hatscher über die Königsbachalm, durch den Wald, den Hochbahnweg an der Königsseeaussicht vorbei, diesmal wenigstens nicht im Dunkeln. Ich nahm eine Abkürzung einen Bach entlang, die man nur bei Tageslicht findet, und kam schließlich zwischen den Häusern kurz oberhalb des Königsseeparkplatzes heraus. Ich brachte das Gepäck ins Auto, nahm mein letztes frisches T-Shirt mit und trabte die Touristenmeile zur Seelände und weiter in Richtung Malerwinkel. Im Wald folgte ich einem der zahlreichen schmalen Pfädchen den steilen Hang zum See hinunter, suchte mir eine Stelle, an der ich gut ins Wasser steigen konnte, schälte mich aus den verschwitzten Klamotten und aalte mich im kalten See. Bisschen überwinden muss man sich da schon, um länger als Sekunden drin zu bleiben, es macht zweifellos frisch.
Ich trocknete mich mit T-Shirt A ab und zog T-Shirt B an, dann ging ich im Abendfrieden zurück zum Auto. Beim McD. kaufte ich mir die übliche eiskalte Cola mit Eiswürfeln und fuhr nach Hause, wie immer etwas wehmütig. Die Zeit in den Bergen ist stets zu kurz.