Stille Riesen

Alte Eiche nahe Großheirath

Alte Eiche nahe Großheirath

Alte Bäume haben etwas Faszinierendes, egal, wie weit sie auch schon abgestorben sein mögen. Selbst der Torso eines solchen Riesen wirkt noch ehrfuchtgebietend in seiner Mächtigkeit. Bäume werden mit dem Alter immer schöner, da haben sie uns was voraus.

Jetzt im zeitigen Frühling ist eine gute Gelegenheit, die Riesen zu bestaunen, denn ihre Gestalt wird noch nicht von Laub und Buschwerk verdeckt. Während meines Osterbesuchs in der alten Heimat Oberfranken machte ich mich also dort und im angrenzenden Thüringen auf die Suche. Und fand herrliche Eichen, Linden und eine wirklich gewaltige Rotbuche. Manche der Bäume haben einen Namen – und diese Namen sind teilweise wirklich skurril. Welche Geschichten sich wohl hinter Schießeiche, Grufteiche, Abschiedseiche und dergleichen Benennung verbergen? Eichen werden ja auch gern als „1000-jährige Eiche“ bezeichnet – was in den seltensten Fällen der Wahrheit entspricht. Bei einer solchen Uralt-Eiche fand sich jedoch ein Schild, das genau dieses bestätigt. Gerne hätte ich in den umliegenden Dörfern nachgefragt, vielleicht hätte sich die eine oder andere Anekdote zu den verschiedenen Baumriesen gefunden. Leider hatte ich nicht die Zeit dazu. So kann ich hier nur wiedergeben, was ich auf Schildern vor Ort gelesen habe.

Angefangen hat meine Suche nach alten Bäumen der Region ganz unverhofft: Ich wollte eigentlich auf den Kleinen Gleichberg in Süd-Thüringen spazieren. Wenn ich so über Land fahre, kann ich die Augen ja nie auf der Straße lassen. Sie schweifen rechts und links über’s Gelände und dabei erhaschte ich plötzlich einen Blick auf eine mächtige Eiche am Waldrand. Es lag eine Streuobstwiese davor, so dass ich nur die oberen Äste sah, die aber waren gewaltig. Und so parkte ich also das Auto am Rande der Wiese und spazierte den Hang hinauf zu der Eiche. Ich war völlig hingerissen, als ich davor stand. Nicht nur, dass sie wirklich beeindruckende Ausmaße hatte, sondern sie war zudem im Wuchs recht symmetrisch und gesund und gut erhalten – einfach wunderschön! Am Stamm befand sich ein Schild mit ihrem Namen: Grufteiche. Von einer Gruft war weit und breit nichts zu sehen, aber wie gesagt – die Namen der Bäume haben oft einen völlig unvermuteten Ursprung. Ich hätte ihr allerdings einen schöneren Namen gegönnt.
Ich umkreiste den schönen alten Baum mehrmals, fotografierte aus verschiedenen Blickwinkeln, musste zwischendurch immermal ein wenig warten, bis das Sönnchen sich hinter den ziehenden grauen Wolken hervor traute. Drei alte Walnussbäume standen am Wegrand, deren Äste sich grafisch vom zarten umgebenden Gesträuch abhoben.

Der angrenzende Eichenwald war sehr einladend, und so streifte ich ein wenig darin herum. Ich stieß auf den heruntergebrochenen Ast einer Eiche, der schon wunderschöne farbige Flechten angesetzt hatte. Da hätte ich gerne mein Makroobjektiv gehabt – aber so ging’s auch…

Ich erinnerte mich, dass ich vor einigen Jahren in der Umgebung mit einer Freundin eine andere uralte Eiche bestaunt hatte. Die hatte ich damals auch im Vorbeifahren auf der anderen Talseite erspäht. Wir hatten uns allerdings nicht lange dort aufgehalten, da ein Hornissenschwarm im Stamm der Altehrwürdigen sein Zuhause gefunden hatte, und der war ebenfalls recht beeindruckend gewesen.
Für den Gleichberg war es nun eh schon zu spät, also entschloss ich mich, diese andere dicke Eiche zu suchen. So ungefähr wusste ich zwar, wo sie sich befand, da der Waldrand in diesem Tal aber überall verwirrend ähnliche Einkerbungen und Wellen hat, kurvte ich doch ein Weilchen umher, bis ich sie sah. Immerhin musste ich ja auch ein Auge auf der Straße haben, die genauso kurvig ist wie der Verlauf des Waldrands. Später stellte ich fest, dass der Baum sogar auf der Karte vermerkt ist als „1000-jährige Eiche“. Leider ist nicht mehr allzu viel von ihr übrig, aber sie lebt noch. Bisschen arg zurechtgesägt ist sie – das finde ich sehr schade, zumal dort kein Weg vorbei führt und also auch keine Spaziergänger gefährdet sind.

Auf dem Weg zurück zum Auto kam ich an einer zierlichen kleinen Bank vorbei – sehr hübsch…

Bank am Waldrand

Bank am Waldrand

Wenn man die Augen offen hält nach bestimmten Dingen, dann fallen sie einem auch dann auf, wenn man schon ein paarmal daran vorbei gekommen ist, ohne sie zu bemerken. So stach mir bei Heldburg am Waldrand eine mächtige Buche ins Auge – da bin ich schon oft dran vorbei gefahren, aber sie steht ein ganzes Stück entfernt von der Straße an einem Hang zwischen verschiedenen anderen Bäumen, die im Sommer einen Teil von ihr verdecken. Ein Feldweg führte hinauf, und nach ein paar Metern hatte ich schon richtig viel schönen Thüringer Lehm an den Schuhen.

Die Buche war gewaltig. Eine ähnlich mächtige Rotbuche habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Ich kriegte sozusagen den Mund gar nicht mehr zu. Zudem ist sie im Wuchs rechtsgedreht und der Stamm grün bemoost, was die Drehung noch deutlicher sichtbar werden lässt.

Sie hat kein Naturdenkmal-Zeichen, dafür ist sie im unteren Teil über und über bekritzelt. Und es ist ein Paar Schuhe am Stamm festgenagelt – inzwischen schon genauso grün wie dieser. Das habe ich im Grenzgebiet schon einmal gesehen, an einer alten Linde auf dem nicht weit von der Buche entfernten Straufhain. Dort war zu DDR-Zeiten ein Grenzposten. Vielleicht hat da jemand nach Ablauf der Dienstzeit seine Schuhe – sozusagen an den Nagel gehängt? Die Kritzeleien an der Buche scheinen jedenfalls was mit den damaligen Grenzpatrouillen zu tun zu haben, denn es steht sehr oft „EK“ vor einem Namen und eine Zahlenkombination – könnten Datumsangaben sein oder z. B. Nummern von militärischen Einheiten.

Zurück beim Auto war ich eine ganze Weile damit beschäftigt, den hartnäckigen thüringer Lehm soweit von den Schuhen zu kriegen, dass ich vernünftig Auto fahren konnte.
Nachdem ich nun schon in der Nähe war, schaute ich in Heldburg nach der uralten Eiche am Fuß der Streuobsthänge, die schon lange mehr tot als lebendig aussieht. Inzwischen ist leider auch das letzte zarte Seitenästchen abgestorben und es ist nur noch eine Ruine von einem Baum – aber was für eine! Was muss das für ein imposanter Anblick gewesen sein, als dieser Baum noch seine dicken Äste hatte und mächtig da im Tal stand! Ein Schild bezeichnet die Eiche als „Schießeiche“ und besagt, dass der Stamm 7,50 Meter Umfang hat. Ihr Alter wird auf 600-800 Jahre geschätzt. Eine neue Eiche ist schon gepflanzt – ein windiges Stämmchen, das man neben dem imposanten Methusalem vollkommen übersieht.

Lindengruppe

Eine Gruppe Linden am Jugendbolzplatz

Ich beschloss, noch andere alte Bäume der Umgebung zu besuchen und studierte die Landkarte – manche sind dort vermerkt, manche nicht. Eine wunderschöne alte Linde steht am Fuß des ehemaligen Vulkans Straufhain in Thüringen.

Linde am Straufhain

Linde an der Straße zum Straufhain

Von dort ist es nicht weit bis Bad Rodach, wo gleich zwei Eichen auf der Karte vermerkt sind: Die Bratwursteiche und die Ruheiche. Von der Bratwursteiche ist noch ein Haufen verrottendes Holz da und ein neues junges Stämmchen (1970 gepflanzt) daneben und das war’s. Zumindest gibt es aber ein Schild mit recht interessanten Hintergrundinformationen: So gab es in Franken früher häufiger die Bezeichnung „Bratwursteiche“ für markante Bäume, unter denen man sich zum Essen und Trinken traf. (Überhaupt hat man in Franken Bratwürste = Broudwörschd gerne) Andere solche Eichen nannte man „Ruheichen“, weil das damals im Wald geweidete Vieh dort die Ruhezeiten verbrachte. Diese Eiche hatte einst jedoch einen ganz besonderen Gast, nämlich Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg-Saalfeld, der dort 1818 während einer herrschaftlichen Jagd pausierte. Zu späteren Zeiten war der Baum ein beliebtes Ziel für Schulklassenausflüge – es war Tradition, dass dabei ausprobiert wurde, wieviele Kinder nötig waren, um den Stamm mit ihren Armen zu umspannen. Er soll in Brusthöhe einen Umfang von 4,70 m gehabt haben. (Mehr als ich)

Eine noch bestehende Ruheiche fand ich ein Stück weiter, abseits des Wanderweges und komplett von Holunderbüschen eingewachsen. Sie ist schon völlig bemoost – Eichen brauchen Luft und Licht. Schade drum.

Zwischen Bad Rodach und Thüringen liegt Rossfeld, und dort an der Landstraße steht eine riesige Stieleiche von imposanter Höhe. Ein Schild neben ihr sagt, sie stehe dort schon seit ca. 1000 n. Chr. 1525 schlug ein Blitz in sie ein. Die heutige Landstraße war im Frühmittelalter eine bedeutende Fernhandelsstraße, außerdem lag unweit davon die Burg Strauf, ein Kultur- und Handelszentrum. Die hat schon viel gesehen, diese Eiche!

Ich fuhr weiter in Richtung Gleichberge, verfuhr mich in den Dörfern und fand dann doch in Gleicherwiesen die gewaltige Linde am jüdischen Friedhof und ihre etwas weniger gewaltige aber genauso wunderschöne Schwester.

Sommerlinde

Sommerlinde am jüdischen Friedhof

Die alte Sommerlinde wird auf 400-500 Jahre geschätzt. Sie hat einen Stammumfang von 7,75 (!)m und ist innen hohl. Ich bin mal hineingeschlüpft. Bisschen modriges-Holz-Geruch. Und irgendwie berührend, in so einem uralten Baum zu sein…

Ein paar Kilometer weiter, in der Nähe von Römhild am Fuß des Großen Gleichbergs steht die sogenannte „Abschiedseiche“. Der Abschied ist allerdings wohl schon ein Weilchen her, von der Eiche steht nämlich – ähnlich wie bei der Heldburger Schießeiche – nur noch ein Stück hohler Stamm.

Zurück in Franken machte ich einen Abstecher zur Eiche am Gossmannsdorfer See. Auch ein gewaltiger Baum!

Später stieß ich einem heißen Tipp folgend auf der Suche nach zwei Linden ganz unvermutet auf eine wunderschöne und durchaus lebendige Eiche in einem Schlehengebüsch bei Großheirath. Die Sonne stand schon tief und zauberte ein wunderbar weiches Licht. Jemand hatte eine Raubvogelfeder in die Rinde gesteckt, das sah sehr schön aus und passte irgendwie – mächtiger Vogel und mächtiger Baum.

Die beiden Linden fand ich auch. Wie zwei Außerirdische heben sie sich ab vom umgebenden Wald. Die hätten wahrscheinlich auch gerne ein wenig mehr Licht und Luft um die Kronen. Viele Löcher sah ich im Holz, ein Paradies für Spechte, Kleiber, Meisen und sonstige Höhlenbrüter.

Ich spazierte dort noch ein wenig auf schmalem Weg in den schönen Laubmischwald hinein, dann verabschiedete sich das Sönnchen und abendliches Dämmerlicht machte sich breit. Da hatte ich dann auch wirklich genug Bäume gesehen…

 

ein Riese mitten im Wald

ein Riese mitten im Wald