Mister Mond

Fast-Vollmond über dem Watzmann

…erhebt sich über die Watzmann-Südspitze

Zwei Tage vor dem Januar-Vollmond war ich mit Schneeschuhen im Wimbachgries. Nun traf es sich, dass gleich am Anfang des Tals, noch vor der Wimbachklamm, der Weg gesperrt war wegen Schneebruch-Aufräumarbeiten. Die Männer, die da mit Motorsägen zugange waren, ließen sich auch nicht überreden, mich einfach schnell mal durch zu lassen. Einer rief mir zu „muaßt woanders geh, hilft nix!“ Also nahm ich mir das zu Herzen, ging ein Stück zurück bis kurz vor dem Schafstall, schnallte die Schneeschuhe an und stapfte dann quer über eine steile Wiese zum Waldrand ein ganzes Stück weiter oben. Und siehe da, im Wald stieß ich auf einen Weg! Da war schon mal jemand mit Schneeschuhen gegangen, es gab verschneite Altspuren. Denen folgte ich bis zu einer Wildfütterung und stapfte dann den ab da unberührten Weg weiter bis zu einer Almwiese im Wald. Von dieser wusste ich dank früherer Neugier und auch, dass da mehrere solcher Wiesen hintereinander liegen und man von dort auf einem schmalen Pfad ins Wimbachgries kommt. Das war zwar insgesamt ein ganz schöner Umweg, dafür hatte ich an diesem Tag das ganze Wimbachgries für mich…


Am Wimbachschloss war eine Lawine heruntergekommen, und was für eine! Das waren unglaubliche Schneemassen, die sich in mehrere Meter starken Zungen den Hang bis ins Griesbett hinunter erstreckten – denen hätte ich nicht im Weg stehen wollen. Ich turnte da eine ganze Weile herum – es war sehr beeindruckend und an diesem Tag herrschte nur mäßige Lawinengefahr, wenngleich da durchaus noch mehr Schnee oben bereit liegt. Aber das meiste war ja schon unten. Spannend.

Dann stapfte ich weiter das Wimbachgries hinauf im schönsten Sonnenschein. Überall an den steilen Sonnenhängen kletterten Gemsen herum – ich zählte an dem Nachmittag 36 – weil sie dort noch an Nahrung kommen können. An einer Stelle hatte sich ein großes Schneebrett gelöst und hing direkt oberhalb einer Gruppe Gemsen abwartend schräg am abschüssigen Fels. Da war mir plötzlich klar, warum ich im letzten Frühjahr am Fuße einer ähnlichen Wand am Königssee gleich mehrere abgestürzte Gemsen gesehen hatte – die hatte wohl der Schnee mitgenommen.
Die Tiere, die ich weiter unten im Gelände sah, bewegten sich sehr langsam voran und schienen in dem tiefen Schnee echt Mühe zu haben. Ein paarmal sah ich ein Stück weiter die eine oder andere Gams meinen Weg kreuzen, dann wartete ich ab, um die Tiere nicht unnötig zu erschrecken und beobachtete ihr mühsames Voranstapfen. Dieser Winter wird die Tierwelt in den Bergen ganz schön aussortieren.

Ich stapfte bis hinauf zum Loferer Seilergraben, was einige Zeit dauerte, das geht ja stetig bergauf und im Schnee ist das schon anstrengend. Außerdem gab es überall soviel zu sehen (und fotografieren) – diese beschneiten Felswände…! Welche Mächtigkeit.

Als ich am Seilergraben ankam, war die Sonne gerade untergegangen und hatte dem Watzmann ein orangeleuchtendes Häubchen verliehen, das mit dem Weitergehen alllmählich verblasste. Ich wollte einen schönen Rahmen für den Watzmann, bin außerdem unheilbar neugierig und stapfte deshalb einige Meter in den Seilergraben hinein – ich kannte ihn bisher nur von Sommerstreifzügen. Weiter hinten war er aktuell sehr lawinengefährlich, aber vorne ging schon. Und just als ich mich nach ein paar Metern umdrehte, kam Mister Mond hinter der Südspitze hervor. Noch nicht ganz voll und bisschen verschleiert aber wunderschön und – genau getimed. Ich fotografierte ein Weilchen herum, wie er allmählich in den Himmel stieg, doch zog es eisig – da oben zieht es im Winter immer eisig – und das scheuchte mich letztendlich weiter. In die Dämmerung hinein ging ich mit großen Schritten durch den tiefen unberührten Schnee bergab, dass er nur so zu allen Seiten stob. Die umliegenden Bergriesen erhoben sich mondüberstrahlt aus den Abendschatten, das war so märchenhaft schön, dass ich immer wieder stehen blieb und schaute.
Bis ich unten am Talende war, war es kurz nach 20 Uhr. Mein Auto erlaubte sich ein kleines Spielchen, indem es ein paarmal nach dem Starten gleich wieder stotternd erstarb, wofür ich hungrig, müde und durchgefroren überhaupt keinen Nerv hatte, aber schließlich ließ sich der Motor doch nachhaltig zum Leben erwecken und ich fuhr durch die versilberte Bergwelt nach Hause.

Sonnenuntergang und Mondaufgang am Watzmann

Sonnenuntergang und Mondaufgang am Watzmann

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