Kleine Wanderung auf das Hochlafeld

Sonnenaufgang. Das Gipfelkreuz vor dem Watzmann.

Sonnenaufgang. Das Gipfelkreuz vor dem Watzmann.

Endlich fanden sich zwei Tage, an denen das Wetter stabil gemeldet war und meine Freundin Manja und ich beide Zeit hatten. Mein Muskelkater von einer knackigen vorhergehenden Bergtour hatte sich beruhigt, wie schön. Trotzdem hatte ich keine Lust auf einen Gewaltmarsch, Manja auch nicht, also entschieden wir uns für eine zahme Touristentour von Kessel zur Gotzenalm – und dann würden wir dort schon was finden, wo wir unsere Nasen noch hineinstecken könnten.

Wir nahmen uns die Zeit, gemütlich zusammen zu frühstücken – leerer Bauch marschiert nicht gerne – und sausten dann zum Königssee. Wir reihten uns in die Schlange am Fahrkartenverkauf ein, mussten glücklicherweise nicht lange warten – der Morgen war ja auch schon ziemlich fortgeschritten, das Gros der Touristen tummelte sich schon in Bartholomä. Was soll’s, es bleibt ja lange hell. Wir bestiegen ein Boot, machten uns mit unseren Monster-Rucksäcken breit und ließen die üblichen Scherze und Erläuterungen des Bootsbegleiters zu See und Landschaft über uns ergehen. Der war ganz offensichtlich kein Unterhaltungstalent und genoss das Ganze wohl ebensowenig wie wir. Als er dann etwas zittrig an der Echowand ins Horn blies, bekam ich direkt auch das Zittern, denn die Töne schrammten haarscharf am Wohlklang vorbei. Der arme Kerl sammelte hinterher, erleichtert überlebt zu haben, mit seinem Käppi das Trinkgeld ein und wir warfen, ebenso erleichtert, einen Euro Schmerzensgeld hinein.

Kurz darauf legten wir an der Bedarfshaltestelle Kessel an und Manja und ich kletterten von Bord. Wir hievten die schweren Rucksäcke auf den Rücken und marschierten schwungvoll an der kleinen Wetterschutzhütte vorbei zum Wald, um dort die Rucksäcke gleich wieder abzusetzen, weil der Frühstückstee durchgelaufen war und wieder ans Licht wollte. Also gut.

Solcherart erleichtert stapften wir dann tatsächlich los auf dem schönen Steig vom Ufer hinauf durch den lichten Wald, vorbei an Bergflockenblume, Wiesenraute und Alpenakelei. Hübsch.

Der Königssee mit der Halbinsel Bartholomä

Der Königssee

Wir  – also, genau genommen ich – hatten kein Wasser mitgenommen, weil in Kessel ein frischer Brunnen ist und es vom Königssee hinauf in die Berge ja sowieso immer mal irgendwo plätschert. Wir waren schon ein ganzes Stück von Kessel entfernt, als mir einfiel, dass ich dort ja hatte tanken wollen. Na, egal, dann eben beim nächsten Bächlein.
Um es gleich zu sagen: dieses Bächlein gibt es nicht auf der Strecke von Kessel zur Gotzenalm, und wäre Manja nicht so klug gewesen, eine Flasche langweiligen Leitungswassers mitzunehmen, wäre das eine ganz schöne Durststrecke geworden.

Leider endete unser schöner Pfad bei der Gotzentalalm und es ging von da ab auf einer Forststraße weiter. Das war wirklich unschön und entgegen unserer Hoffungen folgte der Wanderweg dieser Forststraße bis zur Gotzenalm. Hm. Sowas mögen wir ja nicht.

Kurz vor der Alm zweigt ein Pfad ab zum Aussichtspunkt auf dem Feuerpalfen. Tollen Blick auf den Königssee soll man da haben, also marschierten wir natürlich hin.
Der Ausblick war besetzt von zwei Fotobegeisterten, die aber gleich zur Seite rückten. Die hatten sich da offensichtlich schon eine ganze Weile getummelt. Man schaut vom Feuerpalfen direkt auf St. Bartholomä hinunter. Wie Spielzeuge sahen die weißen Boote von oben aus. Wir schauten eine Weile, dann verzogen wir uns wieder, denn wir wollten uns an der Gotzenalm einen Kaffee gönnen, und die Aussicht darauf fanden wir ebenso verlockend wie die am Feuerpalfen.

Wir gingen das kurze Stück zur Hütte und saßen kurz darauf selig jeweils vor einem großen Stück hausgemachtem Apfelstrudel mit Sahnehaube und einem Kaffee. Wenn wir den Blick vom Teller hoben, hatten wir das fantastische Panorama vom Funtenseetauern bis zum Großen Hundstod vor uns, wunderbar.
Zu unserer Linken lagen der Gotzentauern und das Hochlafeld. Dieses hatte ich schon des öfteren vom Kahlersberg aus bewundert, es war eines meiner „must explore“-Ziele für zukünftige Touren. Es war erst mitten am Nachmittag und wir waren noch recht tatendurstig, so beschlossen wir, unsere neugierigen Nasen dort hinauf zu tragen.

Das Hochlafeld ist nicht wirklich sonderlich hoch  – das kleine Marterl am höchsten Punkt liegt auf 2074m – und ist von der Gotzenalm aus (1685m) leicht zu erklimmen. Der Plan war, am südlichen Grashang hinauf zu steigen, der ist zwar steil, aber sowohl laut topografischer Karte als auch dem Aussehen nach gut gehbar. Auf dem Weg dorthin stießen wir aber auf einen schmalen Pfad, der sich an der Westseite entlang windet und folgten diesem durch eine wunderschöne wilde Landschaft. Sehr zart ist er sogar in der Karte verzeichnet und führt über den Kindlerpalfen hinauf.

Wir erschreckten die eine oder andere Gams durch unser Erscheinen, als wir zwischen Felsen oben auftauchten. Unter uns lag die Gotzenalm im Schattenspiel der Wolken, über dem Watzmann legte die Sonne ihr Streiflicht wie eine Bühnenbeleuchtung auf die Landschaft. Eine kraftvolle Atmosphäre, und wir genossen den Blick eine Weile.

Blick vom Kindlerpalfen auf die Gotzenalm

Blick vom Kindlerbalfen auf die Gotzenalm

Weiter ging es weglos über Geröll und Karren, hinauf zum Grat des Hochlafeld. Dort fällt die sogenannte Frauenwand ziemlich senkrecht nach Norden ab zum Seeleinsee hin. Am Grat entlang wanderten wir zu dem kleinen Marterl, das den höchsten Punkt markiert – von einem Gipfel kann man nicht wirklich sprechen. Auch dort genossen wir die Aussicht. Der Seeleinsee leuchtete unter uns wie ein Smaragd. Neben uns erhob sich die mächtige Wand des Kahlersberges aus dem Landtal. Wie oft habe ich von dem Steig dort drüben herüber geschaut auf die zerfurchte Fläche des Hochlafelds – jetzt war es umgekehrt…

Hier oben war das Gelände felsig und uneben, völlig ungeeignet für ein gemütliches Biwak. Also wanderten wir an der Ostseite, die senkrecht ins Landtal abfällt, durch die wildromantische Landschaft bergab nach Süden. Kurz unterhalb des kleinen Marterls kommt ein winziger Pfad vom Landtal herauf, den ich mir für eine spätere Gelegenheit merkte.

Wir kletterten durch die zerklüftete Karstlandschaft, nahmen uns Zeit, hier und da ein paar Gemsen zu beobachten, die ihrerseits uns beobachteten, und genossen das entspannte kleine Bergabenteuer. Der Nachmittag war dem Abend gewichen, als wir am Lafeldgstell, dem südlichen Ende der Hochfläche, ankamen.

Dort ist das Gelände wesentlich biwakfreundlicher, es finden sich gemütliche Grasflächen zwischen den Felsen. Ein kleines, schlichtes Gipfelkreuz steht da, dort machten wir Brotzeit. Ein frisches Lüftchen wehte, welches wir in Verbindung mit dem Kreuz zum Trocknen unserer Wanderkleidung nutzten. Praktisch, doch scheuchte uns dieses Lüftchen andererseits in alle Kleidungsstücke, die wir sonst so dabei hatten. Die Sonne versteckte sich immer wieder hinter Wolken, zwischendurch tauchte sie die umliegenden Gipfel in das warme Orange ihres Abschieds: Den Kahlersberg, das Wildalmkircherl, den Funtenseetauern, den Großen Hundstod und natürlich den Watzmann, hinter dem sie schließlich in flammenden Farben versank.

Sonnenuntergang hinter dem Watzmann

Sonnenuntergang hinter dem Watzmann

Am Gipfelkreuz wäre zwar die Aussicht fantastisch gewesen, aber das doch recht kräftige Lüftchen ließ uns lieber einen Schlafplatz in einer Senke suchen. Den Blick auf den Kahlersberg hatten wir dort trotzdem und mit meinem kleinen Fernglas beobachteten wir an seiner Flanke eine Herde Steinböcke bei der geruhsamen Abendmahlzeit, während die Kinderstube in übermütigen Sprüngen umherhüpfte. Entzückend!
Die Dämmerung wurde tiefer und wir kuschelten uns schließlich in unsere Schlafsäcke, müde und zufrieden.

Der Kahlersberg im letzten Licht

Der Kahlersberg im letzten Licht

Ich hatte ein neues, aufblasbares Kopfkissen dabei. Wiegt nichts, braucht keinen Platz und hat doch eine kuschelige Oberfläche, super. Nur leider raschelt es und vor allem – naja, prall bläst man es ja nicht auf, und die Luft weicht dem Kopf natürlich aus und ist nie da, wo man sie bräuchte, nämlich unter dem Kopf. Ich probierte verschiedene Luftmengen, doch blieb das Ergebnis äußerst unbefriedigend und beschäftigte mich die Nacht hindurch immer wieder. Manja hatte zwar keine Kopfkissen-Kämpfe, doch einen eher dünnen Schlafsack und dadurch ebenfalls eine unruhige Nacht, leicht durchfröstelt.
Nichtsdestotrotz fand mich der Morgen zeitig auf den Beinen – ich verpasse nie einen Sonnenaufgang in den Bergen – und ich schälte mich aus der warmen Daunenwolke, schlüpfte in die klammen Stiefel und ging leise an Manja vorbei zum Gipfelkreuz hinauf. Der Anblick war magisch. Der erste rosa Schimmer lag auf dem Watzmann und wenig später auch auf den Gipfeln des Steinernen Meeres. Ich setzte mich still ins Gras und schaute, staunte in das Farbspiel des jungen Morgens, als sähe ich es zum ersten Mal. Es ist jedesmal anders, jedesmal neu, jedesmal das erste Mal. Es berührt, in der Weite und Stille der Berge einen Tag erwachen zu sehen, es ist unvergesslich.

Der Morgen war frisch, und da er schon so früh begonnen hatte, kroch ich nochmal in den Schlafsack. Um uns zu erreichen, musste die Sonne erst die Kahlersbergalm überwinden, und das konnte man am besten in den Schlafsack gekuschelt abwarten. Manja war inzwischen auch wach, blieb aber ebenfalls noch im Schlafsack, bis die ersten zögernden Sonnenstrahlen sich zu uns vortasteten. Da schlüpften wir in die Wanderkleidung, wuschen uns die Hände in einem Schneefeld nahbei und aalten uns beim Frühstück in der Sonne. Bis der nächtliche Tau auf den Schlafsäcken und Isomatten getrocknet war, verging eine Weile, doch pressiert auf so einer netten kleinen Tour ja nichts und wir ließen uns Zeit. Dann packten wir zusammen und gingen am südlichen Abbruch der Hochfläche in westlicher Richtung zum Mitterlafeld mit dem Wiesenhang, den wir eigentlich hatten heraufkommen wollen. An seiner Flanke sahen wir wiederum einen schmaler Steig, der zwar nicht über die Wiese führte sondern seitlich davon hinunter, doch war uns das genauso recht. Um ihn zu erreichen nahm ich eine andere Route als Manja und holperte über einen Schuttkegel hinunter. Mitten darin fand ich das Skelett einer Gams, was in den Bergen nun nicht so ungewöhnlich ist, doch lag da auch der Schädel, blank und weiß.

An einer warmen, seichten Pfütze vorbei, die mit Molchen übersät war, folgten wir dem Pfädchen hinunter in den Bergwald, wo wir bald auf den Wanderweg trafen, der vom Landtal kommend zur Gotzenalm führt. Oder umgekehrt… Wir entschieden, nicht übers Landtal weiterzugehen, sondern über die Regenalm und den Kaunersteig nach Salet abzusteigen. So hätten wir dann noch Zeit zum Baden und einen Kaffee bei Bartholomä.

Mit der Einsamkeit war es da vorbei, auf dem Kaunersteig kamen uns immer wieder Wanderer entgegen auf dem Weg zur Gotzenalm oder, die Trainierteren, auf dem Weg zur Wasseralm. Dennoch genossen wir den Abstieg, begegneten auf dem Abschnitt durch den toten Borkenkäferwald unterhalb der Regenalm einer jungen Schlingnatter, die sich leider ziemlich beeilte, im Gestrüpp zu verschwinden. Das ist eine kluge Idee für ein kleines Schlänglein, wenn trampelnde Menschenfüße im Anmarsch sind, doch hätte ich sie gerne näher in Augenschein genommen, sie war die Erste ihrer Art, die mir begegnet ist.
An der verfallenen und kaum noch sichtbaren Kauner Almhütte machten wir ein kleines Päuschen, dann stiegen wir durch den Wald ab nach Salet. Der Kaunersteig ist sehr steil und an manchen Stellen licht genug, dass man auf den See schauen kann, der blaugrün durch die Bäume schimmert.

Waldpfad am Ufer des Königssees

Der Kaunersteig am Seeufer

Wir schwitzten nicht schlecht, und als wir am Ufer ankamen und eine Stelle fanden, an der wir das Wasser leicht erreichten, wuschen wir uns genüsslich die Gesichter und Arme. Herrlich!

Das türkise Wasser des Königssees

Das türkise Wasser des Königssees

Bei Salet war wie erwartet die Hölle los, das ist bei schönem Wetter im Sommer ja immer so. Brrr. Wir flüchteten mit dem nächsten Schiff nach St. Bartholomä, wo es natürlich genauso war, aber dort verzogen wir uns in eine stille Ecke des Biergartens und ließen uns, vom Touristentrubel unbeeindruckt, Kaffee und ein weiteres Stück Apfelstrudel schmecken, welches mit dem hausgemachten der Gotzenalm aber bei weitem nicht konkurrieren konnte.

Dann gingen wir flotten Schrittes am Anlegesteg vorbei und ein Stück weiter hinten am Waldrand ans Ufer. Raus aus den Klamotten, rein ins kalte Wasser – AAAAHHH….! Lange bleibt man da nicht drin, doch wenn die Umgebungstemperatur stimmt, ist das kalte Seewasser herrlich!

Blick über den Königssee nach Salet

Blick über den Königssee nach Salet

Wir aalten uns abwechselnd in Sonne und Wasser, bis es Zeit war, zum Anlegesteg zurück zu gehen. Der Großteil der Leute, die vorher in langer Schlange dort angestanden hatten, war inzwischen weg und wir mussten nicht lange warten, bis wir einsteigen konnten. Wir glitten still im Elektroboot über das Wasser zurück zur Seelände, schlängelten uns durch die trödelnden Touristen zu Parkplatz und Auto, fuhren durch die abendliche Bergwelt heim und rundeten unser kleines Abenteuer zuhause mit einer Pizza ab.

 

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