In der Weite des Hagengebirges – Tag 2 – vom Kahlersbergnieder zur Windscharte

Sonnenaufgang in flammenden Farben

Sonnenaufgang in flammenden Farben

In den frühen Morgenstunden stand der östliche Horizont in Flammen. Hinter den schwarzen Bergsilhouetten leuchtete der Morgenhimmel in strahlendem Inferno. Auf den Gipfeln des Steinernen Meeres zeigte sich der erste zarte Lichtschimmer. Ich setzte mich in die frühmorgendliche Stille und beobachtete den spektakulären Auftritt der Sonne. Als sie über den Rand des Horizonts blinzelte und die Farben verblassten, kuschelte ich mich nochmal in den Schlafsack. Ein Geräusch ließ mich einige Zeit später die Augen öffnen: Keine fünf Meter von mir stieg eine Steingeiss etwas eilig über die Felsen, beäugte mich äußerst misstrauisch und verschwand. Ich lag wohl mitten in ihrem Frühstück…

Ich schlüpfte kurz darauf aus den Federn und schritt meinerseits zum Frühstück auf einem schönen glatten Felsen nebenan, in herrlichster Morgensonne. Inzwischen brummten wieder die dicken Hummeln durch die Luft – außer den sehr störenden gelegentlichen Flugzeugen das einzige Geräusch hier oben. Zumindest bei Windstille. Dann packte ich meine Siebensachen zusammen, schulterte den Rucksack und schritt vom Tellerrand hinab…

Leider hatte ich seit dem Vorabend einen verschmierten Fleck auf dem Objektiv, ohne es zu merken. Ich merkte es auch weiterhin nicht, weshalb viele der Bilder eine milchige Seite haben – sorry…

Ich hatte mir während des Frühstücks mit Hilfe der Karte eine ungefähre Strecke ausgeguckt. Ursprünglich hatte ich am Fuß des Kahlersberges der Biegung des „Tellerrandes“ nach Nordwesten zur Windscharte folgen wollen, entschied mich jetzt aber, ziemlich schnurstracks quer durch einer großen Einsenkung nach Norden zu folgen, um dann bei zwei hoffentlich auffindbaren Quellen auf den von Osten ein Tal heraufkommenden Wanderweg zu stoßen, der ebenfalls zur Windscharte führt. Ich hatte ein bisschen Bedenken wegen meines Wasservorrats.

Das nordwestliche Hagengebirge

Die Windscharte liegt in der Bildmitte, rechts vom dritten Gipfel

Mir war klar, dass ich jetzt ein Gebiet betrat, in dem höchstwahrscheinlich keine anderen Wanderer sein würden. Im Falle eines Unfalls wäre ich damit auf mich allein gestellt. Entsprechend konzentriert setzte ich meine Füße, testete bei unsicherem Untergrund erst den Halt, bevor ich mit vollem Gewicht belastete (meins und das vom Rucksack…), blieb immer wieder stehen, um in dem Gewirr von Felsrippen einen möglichst einfachen Weg zu finden.
Ich sah viele frische Hinterlassenschaften von Gemsen und auch ein paar derselben selbst.
Als ich in der Einsenkung allmählich etwas tiefer kam, stieß ich hin und wieder auf eine einzelne Blaubeere, die ich mir sofort in den Mund steckte, um mich an der säuerlichen Frische zu erfreuen – es war heiß und obwohl ich mich sehr zurückhielt, sank der Wasserstand in der Flasche doch ganz schön. Jede noch so kleine zusätzliche Erfrischung war da höchst willkommen.

Nach und nach wurden die Latschen dichter, Lärchen und Zirben tauchten auf und ich musste genauer voraus schauen, um in dem Gewirr von latschenbestandenen Felsrippen und Geäst nicht in einer Latschen-Sackgasse zu landen. Zwei-dreimal passierte das doch und ich schob mich durch die dichten, widerspenstigen Zweige, die nach meinem Rucksack griffen und mich daran festhielten. Zum Glück waren das immer nur sehr kurze Strecken Latschengestrüpps, trotzdem wurde ich ganz schön zerkratzt.
Ein paarmal fand ich mich am oberen Rand eines hohen Absatzes und musste einen Weg seitlich herunter suchen. Längst war der Bewuchs so dicht und die Felsrippen so hoch, dass ich immer nur ein paar Meter voraus schauen konnte. Ich sah jedoch immer die Wand des Kühschneibsteins vor mir und konnte dadurch gut die Richtung halten. Der Spaßfaktor war in dem beschwerlichen Gelände, ohne die tolle Aussicht, die ich weiter oben gehabt hatte, allerdings nicht besonders groß. Die nächste Tour plane ich in höheren, felsigeren Lagen ohne Latschengewirr…

Ich kam irgendwann zu einer Stelle mit alten Baumstümpfen – Spuren menschlichen Wirkens. Und gleich um‘s Eck auf einer Anhöhe stand ein schlichter, aber solide und wetterfest gebauter Jagdansitz. Zu diesem schlug ich mich durch‘s Gesträuch, in dem sich, oh Wonne, eine ganze Menge Preiselbeeren fand, die ich mir in den trockenen Mund stopfte.
Vom Ansitz aus führte tatsächlich ein unscheinbarer Pfad bergab in die Richtung, in welcher der Weg sein musste, doch verlor ich ihn bald wieder. Egal, es war nicht mehr weit und ich erreichte den Wanderweg haargenau an der Ruine der Hinterschlumalm, wo auch die Quellen in der Karte eingezeichnet sind. Na bitte.
Allerdings war von einer Quelle weit und breit nichts zu sehen, und in dem unzugänglichen Gelände könnte man keine zehn Meter von einer Quelle entfernt sein, ohne sie zu finden. Doch hatte ich beim Anmarsch durch‘s Dickicht eine kleine, vom Weg versteckt liegende Jagdhütte mit Regenfass gesehen. Letzteres wollte ich mir zumindest mal ansehen, denn wenn ich sonst auch nicht von stehendem Wasser trinke, so war der Durst doch groß, der Weg bis zum nächstmöglichen Wasser beim Stahlhaus noch weit, und es könnte ja sein, dass der Inhalt des abgedeckten Fasses frisch und sauber ist. Wie groß war die Freude, als ich vor der Hütte dann einen Brunnentrog fand, in den aus der Zuleitung ein dünnes Wasserfädchen rann: Eine der beiden Quellen, für die Jagdhütte gefasst. Ich glaube, ich habe den halben Trog leergetrunken…
Ich stellte dann eine der Flaschen unter das Rinnsal und machte es mir auf der Bank vor der Hütte gemütlich – schattig, mit wunderbarem Blick ins Tal, aus dem der Wanderweg herauf kommt.
Hier machte ich endlich eine lange Pause, allerdings nicht ohne zwischendurch dem Schlauch einen dünnen Pfad entlang bis zur Quelle unter einer Felswand zu folgen. Außer dem Schlauch kam nichts unter der Wand hervor – das dünne Rinnsal war also alles, was die Quelle momentan noch hergab. Bis es beim Trog ankam, war es eh schon relativ warm, aber immernoch besser als Regenfass…

Nach diesem erholsamen Päuschen zog ich mit vollgefüllten Flaschen weiter, dem Weg zur Windscharte folgend, vorbei an pfeifenden Murmeltieren.
Im letzten Sommer hatte ich vom Windschartenkopf aus die Ruine einer Steinhütte gesehen, südlich der Windscharte. Neugierig, wie der Mensch ist, wollte ich da eigentlich mal hinschauen, doch lag ein relativ mächtiger schottriger Rücken dazwischen, den zu überklettern ich aktuell keine Lust hatte. Man kann sich ja auch noch was für die nächste Tour aufheben…
Ich begann also die Windscharte hinauf zu steigen, was mit dem schweren Rucksack ganz schön anstrengend war. Unten geht man am Rand entlang ein Geröllfeld hoch, dann in grasdurchsetztem Fels weiter. Stellenweise gibt es Drahtseile, an denen man sich hochziehen kann, das ist durchaus erfreulich. Ich schwitzte und schnaufte ordentlich, als ich oben ankam, und setzte mich erstmal in das leichte Lüftchen, das dort wehte. Ich genoss den Blick über die Weite des Hagengebirges und versuchte zu erkennen, wo ich entlang gegangen war. Eine Wüste aus Stein und Latschen.

Blick auf das Hagengebirge

Da unten hab ich mich zwischen den Lärchen von rechts nach links durchgeschlagen

Oben an der Windscharte war kein Mensch weit und breit zu sehen, obwohl man dort auf den Weg vom Schneibstein zum Seeleinsee trifft, welcher an belebten Tagen eine Art Wander-Highway darstellt. Es war Spätnachmittag und ein Freitag, vielleicht lag es daran. Die letzte Seilbahn vom Jenner mit den Tagestouristen war sicher schon weg und die Mehrtageswanderer saßen wahrscheinlich im Biergarten des Stahlhauses oder stiegen heute überhaupt erst aus dem Tal herauf. Ich fand das prima, denn so hatte ich die herrliche Bergwelt für mich. Naja – nicht ganz für mich alleine, denn ich sah oben am Windschartenkopf an einem Felsabsatz einen großen Steinbock mit mächtigem Gehörn stehen und sein Reich überblicken.
Wir betrachteten uns gegenseitig eine ganze Weile und ich überlegte, ob das wohl derselbe alte Bock war wie jener, den ich im vorigen Jahr nur ein paar Meter weiter auf der Wiese mit seiner Herde gesehen hatte. Der hatte auch ein Stück oberhalb der grasenden Tiere gestanden, unbewegt und wachsam in seiner ganzen Stattlichkeit. Er hatte dermaßen ausladende Hörner, wie sie nur ein sehr alter Bock hat. Wie die Jahresringe eines Baumes verraten sie das Alter: In der jährlichen Wachstumsphase bildet sich ein Wulst am Horn, in der Ruhephase verläuft die Hornbildung spärlicher und ergibt die Einbuchtung zwischen den Wulsten. Der Knabe da oben auf der Felsnase hatte jedenfalls ein ebenso imposantes Gehörn auf dem Kopf wie The Big Boss vom letzten Jahr.
Da er sicher nicht ohne seine Familie da war, folgte ich langsam dem sich um den Berg schlängelnden Weg in Richtung Seeleinsee. Und richtig, um die Biegung herum sah ich eine Geiss am grasigen Hang. Die schaute mich wachsam an, vergaß dabei das Kauen, blieb aber ruhig stehen. Naja – sie war ein gutes Stück oberhalb und die wissen schon, dass wir Menschlein in dem Gelände keine Konkurrenz sind…

Etwas weiter sah ich ein Kitz und dann am Hang unter mir noch zwei weitere Geissen mit Kinderstube.  Ich genoss eine Weile den Blick in die Gipfelrunde der in blauen Abenddunst gehüllten Berge. Welche Weite. Und welche Stille. Schade, dass ich nicht noch eine Nacht bleiben konnte, aber ich war für den nächsten Tag verabredet.
Schließlich ging ich den Weg zurück in Richtung Schneibstein. Der Alte stand immernoch auf seinem Posten und ließ mich nicht aus den Augen. Ich sah noch einige weitere Steingeissen mit Kitzen und einen jungen Bock. Schon ziemlich nah am Schneibstein graste in einiger Entfernung eine ganze Menge Gemsen. Das musste eine ziemlich große Herde sein. Ich ging vorsichtig näher, immer schön von einer großen Steindaube verdeckt, bis ich um die Kurve kam und die Gemsen direkt vor mit hatte. Das waren viiiiele! Erschrocken stoben sie davon, blieben aber ein kurzes Stück weiter gleich wieder stehen und beäugten mich. Die Gemsen wissen auch, dass so ein Wanderer nur ein bisschen mit dem Fotoapparat klickt und sie sowieso viel schneller sind. Ich blieb stehen, zählte mal grob durch und kam auf über 50 Tiere. Die standen ja nicht alle still und manchmal auch mehrere hintereinander, aber ich habe eher welche übersehen als zuviel gezählt, und das ist doch eine beachtliche Zahl. Ich ging langsam weiter und sah auf meinem Weg zum Schneibstein noch weitere kleine Gruppen von Gemsen und eine Steinbockdame mit allerlei Jungvolk um sich herum. Welch wunderbare Begegnung. Ob die Tiere die Störung beim Abendessen auch so wunderbar fanden, ist allerdings die Frage.

 

Auf dem Schneibstein warf ich einen letzten Blick in die Runde und hinüber zur Übergossenen Alm und den Hochkönig, überquerte den grasigen Gipfel dann rasch und stieg den ätzend ausgelatschten, steilen Weg hinunter zum Stahlhaus. Das dauert seine Zeit, denn der Schneibstein ist doch ein gewaltiger Buckel. Im Hagengebirge der vierthöchste nach dem Kahlersberg und den beiden Teufelshörnern.
In der Abendsonne kam ich am Stahlhaus vorbei und warf noch einen Blick zurück – seufz…

Berge im Abendlicht

Blick zurück von der Forststraße

Der Weiterweg führt auf Forststraßen durch den Wald. Man kommt an der Königsbachalm vorbei und folgt dann dem Königsbach bis oberhalb des Königssees, auf den man an einem Aussichtspunkt mit Bank einen wunderbaren Blick hat. Bis ich dort ankam, war die Sonne allerdings schon längst verschwunden und der See lag im abendlichen Dämmerlicht. Im Dunkeln erreichte ich schließlich das Dorf Königssee und den Parkplatz. Ich hatte tatsächlich noch eine volle Flasche Wasser übrig, die ich dazu verwendete Gesicht, Hände und ein bisschen die Füße zu waschen – herrlich! Dann gönnte ich mir – äußerlich erfrischt – eine eiskalte Cola vom Mäcki. Auf der Heimfahrt öffnete ich die Autofenster der lauen Nachtluft. Kurz vor Berchtesgaden wurde ich noch mit einem Feuerwerk über Schönau beschenkt – vor den schwarzen Silhouetten von Watzmann und Hochkalter.

One thought on “In der Weite des Hagengebirges – Tag 2 – vom Kahlersbergnieder zur Windscharte

  • 8. September 2015 at 14:36
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    Wunderbarer Bericht! So detailliert und bildhaft beschrieben, dass man selbst dabei gewesen ist 😉
    Am besten gefällt mir das Morgenlicht nach der Nacht, würde ich selbst gern mal wieder erleben.

    Freu mich auf das nächste Abenteuer!

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