In der Weite des Hagengebirges – Tag 1 – vom Königssee zum Kahlersbergnieder

Der Landtalsteig im Hagengebirge

Der Landtalsteig mit Blick aufs Steinerne Meer

Ein traumhafter Sommer war das dieses Jahr, und diese Augusttage sollten laut Prognose die letzten herrlichen Sommertage sein. Ungetrübt strahlend war das Wetter gemeldet, und so füllte ich meinen vierbeinigen Herrschaften üppig die Näpfe, packte den großen Rucksack mit der üblichen Ausrüstung und folgte dem Ruf der Berge. Ich wollte endlich mal einen Blick hinunter ins Hagengebirge werfen…
Ich stand schon um halb sechs auf – das erste Schiff am Königssee fährt sommers um 8 Uhr, und ich wollte den Tag nicht mit Hektik beginnen. Das Timing war gut, ich musste nicht lange am Kai warten, und schon saß ich im Boot.


Es ist ja unvermeidlich, dass die Fahrt bei der Echowand unterbrochen wird für etwas Gedudel auf dem Flügelhorn, aber der Bläser diesmal konnte das außergewöhnlich gut und ich hörte ihm gerne zu.
In Salet hievte ich meinen dicken Rucksack auf den Rücken und startete auf den Kaunersteig. Der war vor allem auf dem ersten Stück mit dem glitzernden Königssee unter mir sehr schön, aber verschiedenen Beschreibungen nach hätte ich ihn mir spektakulärer vorgestellt. Man kommt durch ziemlich viel vom Käfer zerstörten Nadelwald – naja, in ein paar Jahren wird da wohl was Stabileres, Gesünderes nachwachsen – und dann über sehr schöne Almweiden zur Regenalm. Dort bimmelte eine kleine Kuhherde vor sich hin, auch zwei Kaltblutpferde durften ihre Sommerferien dort verbringen. Einige uralte Steinmauern verlaufen kreuz und quer über die Weiden in diesem Gebiet . Was für eine Arbeit das gewesen sein muss, die zu errichten!
Nach der Regenalm kommt man bald auf den Landtalsteig in der Lafeldwand, hoch über dem Landtal. Diesen Wegabschnitt liebe ich besonders wegen des herrlichen Panoramablicks über das Landtal hinweg zu den Gipfeln des Steinernen Meeres.

Ich hatte auf dem Hinweg eine Weile überlegt, ob ich über den Kahlersberg oder über den Eisenpfad ins Kahlersbergnieder aufsteigen wollte. Ich hatte nur zwei Wasserflaschen dabei und musste diese für den wasserlosen Weiterweg auffüllen. Der Steig trifft ungefähr auf halber Stecke auf das Landtal. Ich konnte diesem nun entweder bergauf zum Hochgschirr folgen und zum ein wenig tiefer gelegenen Seeleinsee dahinter absteigen, dort auffüllen und dann über den Kahlersberg zum Kahlersbergnieder wandern. Oder ich konnte ein Stück das Landtal hinunter gehen bis zur verfallen Landtalalm, dort an der Quelle Wasser auffüllen, wieder raufgehen bis zum Einstieg in den Eisenpfad und dann über diesen und den Bärensunk ins Kahlersbergnieder aufsteigen.
Da die Landtalquelle wesentlich näher lag und ich auch nicht so gerne aus einem stehenden Gewässer trinke, entschied ich mich für diese Variante. Ich füllte die Flaschen und mich mit dem frisch heraussprudelnden Wasser und stieg dann den Eisenpfad hinauf.

Ich schaute immer wieder in das schöne Tal hinab – teils wegen des herrlichen Ausblicks, teils, um meinen Beinchen auf den knackig-steilen Stufen des Weges ein Päuschen zu gönnen. Bei einer dieser „stand-and-stare“-Pausen kam plötzlich unter mir lautlos ein Adler durch das Tal – ein wunderschöner Anblick. Durch das Geäst der Lärchen hindurch sah ich ihn oben am Hochgschirr noch ein paarmal kreisen, dann war er weg.
Ich setzte meinen steilen Anstieg fort, folgte, als der Pfad sich auf dem steiniger werdenden Untergrund verlor, noch einigen Steindauben, sah aber nach kurzer Zeit auch davon keine mehr. Da ich ihm Jahr vorher dieselbe Strecke gegangen war (und die Steindauben an derselben Stelle verloren hatte), kannte ich das Gelände und kletterte einfach in östlicher Richtung über das Karstgestein weiter bis zu dem flachen Grat zwischen den Schossenköpfen und dem Hochsäul. Von dort schaute neugierig eine Gams auf mich herunter, verschwand aber gleich wieder. Ich war ihr wohl nicht geheuer.

Der Aufstieg war steil und anstrengend gewesen, und da ich bisher nur zwei kurze schnell-ein-Brot-Pausen gemacht hatte, ließ ich mich gemütlich im Gras auf dem Grat nieder. Und entdeckte, dass dort eine ganze Menge Edelweiß wuchs. Natürlich turnte ich also, kaum dass ich Brot und Tomaten verdrückt hatte, mit der Kamera herum und fotografierte Edelweiß.

Von diesem nordöstlichen Rand des Hochsäul hat man einen prima Blick auf das Laubseelein, welches genaugenommen aus zwei ziemlich grünen Tümpelchen besteht.  Man kann dorthin absteigen, doch ist das nicht ganz einfach und die zwei kleinen Algenpfützen sind die Mühe nicht unbedingt wert.

Lange stillsitzen kann ich in so interessantem Umfeld ja nie, und sobald man den schweren Rucksack abgelegt hat, fühlt man sich federleicht. Also folgte ich meiner Neugier das kurze Stück auf den grasigen Gipfel des Hochsäul und genoss den Blick auf den Watzmann und das Steinerne Meer.

Wieder beim Rucksack, lud ich mir das schwere Trum erneut auf den Rücken und machte mich auf den Weg querbeet durch das Karstlabyrinth zum Kahlersbergnieder. In der Luftlinie ist diese Strecke nicht besonders weit, doch geht es ständig zerklüftete Felsrücken rauf und runter und man muss sehr genau hinschauen, wo man den Fuß hinsetzt. Nicht alle Steinblöcke liegen so fest, wie es aussieht… Auch muss man den Überblick über die Strecke behalten, damit man sich nicht immer wieder mal vor einem größeren Felsabsatz findet, den man dann erst mal umgehen muss. Es macht aber Spaß, sich so seinen Weg zu suchen – es ist ja mangels Bäumen recht übersichtlich – nur dauert es eben doch seine Zeit.
Ich merkte deutlich, dass ich nicht dieselbe Kondition wie im Vorjahr hatte, denn meine Beine wurden ganz schön schwer, bis ich endlich den östlichen Gratausläufer des Kahlersberges erreichte. Von dort hat man einen schönen Blick sowohl zurück auf einige Gipfel des Steinernen Meeres und den Hochkönig, als auch über das nördliche Hagengebirge mit dem Schneibstein.

Mit Biwakplätzen ist das da oben so eine Sache: Es lässt sich tatsächlich kaum ein ebenes Fleckchen Gras finden, das groß genug für eine Isomatte ist. Genau an der Stelle aber, an der ich den Grat erreichte, war eine winzige runde „Wiese“, auf der sogar drei bis vier Personen Platz gefunden hätten. Trotz Disteln. Hmm. Es war halt erst sieben Uhr und ich hatte geplant, erst ein Stück weiter nach einem Schlafplatz zu schauen. Ich kletterte ein paar Felsrippen weiter, um einen Blick auf das tieferliegende Gelände jenseits des Grates zu werfen. Dabei kann man sich das so vorstellen, als ob man als Winzling am Rand eines tiefen Tellers mit Gulasch stünde: Vor mir ein weites, unübersichtliches Durcheinander aus Hügeln, Tälern und dicken Brocken, teilweise mit Latschenbewuchs garniert. Und in der sichtbaren Nähe kein einziges nettes, grünes Fleckchen.

Also beschloss ich, auf der Miniwiese am Grat zu bleiben, müde war ich eh, und das Panorama war hier viel schöner als aus dem „Teller“ heraus. Ich machte mich breit, schlüpfte in ein trockenes, frisches T-Shirt und kramte das Essen raus. Mit trinken hielt ich mich zurück – von den beiden Flaschen war die eine inzwischen wieder fast leer und ich brauchte für den nächsten Tag auf jeden Fall die andere komplett.

Mit sinkender Sonne wurde es dann kühl, und da ich sowieso hundemüde war, schlüpfte ich in den Schlafsack und entschlummerte auch rasch. Als es gerade dunkel wurde, wachte ich auf, schlief aber gleich wieder ein. Ich war während der Nacht ein paarmal wach – der Mond stand herrlich rund am Himmel und tauchte die Landschaft in sein weißes Licht. Wunderschön. Ich liebe die stillen Nächte in der Bergeinsamkeit…

One thought on “In der Weite des Hagengebirges – Tag 1 – vom Königssee zum Kahlersbergnieder

  • 13. September 2015 at 22:44
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    Liebe Tatjana, Du machst es genau richtig. Du genießt die letzten schönen Sonnentage UND lässt uns daran teilhaben :-). Danke für die schönen Bilder und Deine in Worte gefassten Eindrücke! Ganz liebe Grüße, Manja

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