Graubünden – Im Averstal

In der Roffla-Schlucht

In der Roffla-Schlucht

Der Dienstag begann ein wenig hektisch. Wir frühstückten im Eiltempo, bevor wir in den Bus zur Roffla-Schlucht stiegen. Dummerweise war uns nicht bewusst, dass wir dem Fahrer ein Signal zum Halten hätten geben müssen, und so fanden wir uns unverhofft ein ganzes Stück weiter in „Schmelzi“ wieder (da war in früheren Zeiten ein Schmelzofen…), der darauffolgenden Haltestelle. Wir wollten jedoch unbedingt die Roffla-Schlucht sehen, war sie uns doch von unserer – übrigens sehr hilfsbereiten und netten – Begleitperson von Viamala-Tourismus, Daniela Gredig, wärmstens empfohlen worden. Hmm. Und da standen wir nun an der Straße und hielten hoffnungsfroh den Daumen raus. Und warteten. Und warteten. Es kamen insgesamt drei Autos vorbei, die in die gewünschte Richtung fuhren, aber die brausten vorbei, und wir schlugen allmählich Wurzeln. Dann, oh Wunder, hielt eine junge Dame und nahm uns mit…

Gasthof Rofflaschlucht

Gasthof Rofflaschlucht

Der Eingang zur Roffla-Schlucht ist im dortigen Gasthaus. Zur Schlucht gibt es eine schöne historische Geschichte: Der Gasthof steht schon seit vielen Generationen an dieser Straße, die früher in dieser Gegend der einzige Verkehrsweg nach Italien war. Mit dem Bau der Gotthard-Eisenbahn am Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich ein Großteil des Transports und die Wirtsfamilie Christian Pitschen-Melchior verlor die Grundlage ihres Einkommens. Wie viele andere Familien auch wanderten sie nach Amerika aus, waren dort aber nicht glücklich, vermissten sie doch ihre Heimat. Als der Familienvater eines Tages die Niagara-Fälle sah, dachte er an den Wasserfall in der unzugänglichen Schlucht hinter dem Gasthaus und dass man damit doch auch Besucher anlocken könnte. Die Familie zog zurück in die Schweiz und begann im Jahr 1906 mit dem Wegebau in der Schlucht, auch die Frau und die Kinder halfen mit. Es war eine unglaublich mühevolle Arbeit – zum Beispiel mussten über 10.000 Sprenglöcher von Hand in den harten Fels gebohrt werden – und im Dorf war Christian Pitschen-Melchior als Spinner verschrien. Da die Arbeit in der Schlucht nur im Winter weitergeführt werden konnte – im Sommer war man mit der Landwirtschaft beschäftigt – dauerte es 7 Jahre, bis das Werk vollendet war. Auch heute noch wird der Gasthof mit der Schlucht von den Nachfahren der Familie Christian Pitschen-Melchior betrieben.

Die Schlucht ist wirklich spektakulär – man kann sogar hinter dem Wasserfall durch einen kurzen Felstunnel gehen – und wir tummelten uns da eine ganze Weile. Im Vergleich zu den drei Steinen der Ruine Hohenrätien, für deren Besichtigung wir satte 5 Franken berappt haben, war diese Schlucht die 3,50 Franken wirklich wert, zumal es im Gasthaus auch eine kleine, sehr interessante Ausstellung zur Geschichte der Schlucht gibt.

Wir zogen weiter auf der Via Spluga, die teilweise dieselbe Wegführung hat wie die Alte Averserstraße. Zwischendurch wurden wir von der einen oder anderen Walderdbeere aufgehalten – da kann man ja nicht dran vorbei gehen… Es war inzwischen ganz schön heiß, und da der Fluss ganz herrliche Pools bildete, suchten wir uns ein blickdichtes Plätzchen und sprangen hinein. Das war kalt!!!

Nach dieser kühlen Erfrischung wanderten wir ein ganzes Stück barfuß weiter, weil es sich auf dem Waldweg einfach herrlich anfühlte. Wir kamen wieder an „Schmelzi“ vorbei und tauchten dann in den dort beginnenden „Magic Wood“ ein.

Rest des Flammofens von 1868

Rest des Flammofens von 1868

Das ist ein zauberhaftes Waldstück, übersät mit moosbewachsenen Felsblöcken, wild durcheinander gewürfelt. Ein Paradies für Boulder-Begeisterte, und es waren auch jede Menge junge Leute im Wald verstreut, an den Felsen hängend oder die ideale Technik diskutierend. Mit einem sehr netten Paar aus Ungarn unterhielt ich mich ein wenig und durfte die junge Dame auch fotografieren.

Kurz darauf erreichten wir Ausserferrera und gönnten uns dort ein kleines Wassereis. Das war fast schneller verdunstet als gegessen, aber lecker war es doch. Wir bestiegen den Bus nach Juf über Innerferrera – es war zwar schade, die Schlucht nicht weiter zu durchwandern, aber wir hatten abends noch Programm in Andeer, wollten aber unbedingt auch noch nach Juf, der höchstgelegenen dauerhaft besiedelten Ortschaft Europas. Im Internet hatte ich ja schon Fotos davon angeschaut und einen Reisebericht gelesen, in welchem Juf auch vorkam. Darin wurde es als langweilig bezeichnet und das dazugehörige Foto war genau das. Wie anders haben wir es erlebt! Schon die Fahrt war wunderbar, höher und höher hinauf durch eine Bilderbuchlandschaft, schließlich über die Baumgrenze, mit malerischen kleinen Ortschaften an der Strecke. Juf selbst gab tatsächlich erst mal nicht sonderlich viel her, das lag aber nicht am Ort selbst sondern daran, dass das ganze Dorf eine einzige Straßenbaustelle ist. Damit gewinnt es natürlich keinen Blumentopf. Es gab aber schöne alte Walserhäuser mit Steinplatten auf den Dächern, die ohne Bagger außen herum durchaus reizvoll gewesen wären. Nun schmiegt sich Juf außerdem in ein traumhaftes Hochtal, welches sich dahinter noch weit, weil fortsetzt. Von diesem Tal waren wir völlig hingerissen und wanderten sofort hinein.

Leider hatten wir nicht die Zeit, „um die Kurve“ zu wandern und zu sehen, wie das Tal da hinten weiter verläuft. Das war sehr schade, aber wir mussten unbedingt den letzten Bus erwischen – dass es per Anhalter nicht so einfach ist in dieser Region, hatten wir ja schon erfahren. Außerdem hatte ich in den tiefer gelegenen Dörfern wunderschöne alte Walserhäuser gesehen, die ich gerne noch vor der Linse gehabt hätte. Wir wanderten also zurück, die Straße das Tal hinunter, und genossen das sich ständig verändernde Panorama. Kurz vor Cresta sammelte uns dann der freundliche Busfahrer auf, der uns das schon bei der Hinfahrt versprochen hatte.

 

 

Wir zischten dann schnell ins Hotel, einmal unter der Dusche hindurch und trafen dann im Speisesaal unsere „Betreuerin“ von Viamala Tourismus. Leider drängte die Zeit für die „Casa Storica“ sehr, so dass wir nur in sehr knappen Sätzen zwischen den Bissen des Abendessens von unseren Erlebnissen schwärmen konnten. Daniela fuhr uns durchs Dorf zur Casa, damit wir es überhaupt noch einigermaßen pünktlich schafften…

Auch hier wurden wir sehr positiv überrascht: Der Abend mit den Geschichten von damals, verbunden mit den verschiedenen Räumen des Hauses, war sehr unterhaltsam und informativ: So erzählte der Hausherr zum Beispiel mit einer Dose derselbigen in der Hand von der Wagenschmiere, die jeder gute Fuhrmann dabei haben musste. Ging es dann die steilen Pässe hinauf, war es wichtig, immer gut zu schmieren, damit die Fuhre lief. Hatte einer sein Wagenfett vergessen, musste er unterwegs an einer Raststation schmieren lassen -und dafür ein Schmiergeld bezahlen. AHA – daher stammt also dieser Begriff… Nach diesem kurzweiligen Abend spazierten wir durch’s spätabendliche Dorf zurück zum Hotel.