Das Paradies hinter dem Nebel

La Serra de Montsant

La Serra de Montsant

Unser letzter Tag in Katalonien. Unter all den verlockenden Touren in unserem genialen Wanderführer gab es eine mit derart verführerischen Bildern, dass wir sie unbedingt noch gehen wollten, obwohl die Anfahrt zu diesem Naturpark von unserem Domizil in L’Ampolla immerhin eineinhalb Stunden dauerte: Die Serra de Montsant bei La Morera de Montsant.

Der Tag begann nicht sehr vielversprechend mit Nebel und bedecktem Himmel. In den Bergen kam hier und da Nieselregen hinzu, na toll. Es ging ausgesprochen kurvig ganz schön rauf und runter, und wieder machten zahlreiche Rennradler die Straße in alle Richtungen unsicher. Die haben Kondition, das muss man ihnen lassen.
Wir ließen sie bei Cornudella allesamt hinter uns und schlängelten uns die letzten Kilometer nach La Morera hinauf. Hinter einer Kurve stob plötzlich ein kleiner Schwarm bunter Vögel aus dem Gebüsch neben der Straße: Bienenfresser! Wie eine Handvoll Edelsteine schimmerten sie, dann waren sie verschwunden. Wir konnten unser Glück kaum fassen!

La Morera ist ein ausgesprochen zauberhaftes kleines Bergdorf, das sich in seinen engen Gässchen den ursprünglichen Charme ganz wunderbar bewahrt hat. Wir parkten das kleine Schwarze auf dem Wanderparkplatz vor dem Dorf, rätselten eine Weile hin und her, wo denn nun der Wanderweg losginge, und fragten schließlich im Infocenter nach. Glücklicherweise hatte der Nieselregen aufgehört und es wurde lichter, doch meinte die nette junge Frau vom Infobüro, für den Nachmittag sei stärkerer Regen angesagt und bei schlechter Sicht hätten sich da oben schon zu oft Wanderer verirrt. Sie schlug eine kürzere Alternativroute vor, für die wir uns dann auch entschieden, obwohl ich schon etwas enttäuscht war – ich glaubte nicht so recht an schlechtes Wetter, denn am Himmel erschien mehr und mehr Blau, und die ursprüngliche Route hätte sowohl eine kleine Kletterpartie als auch eine Höhle enthalten – SEUFZ!

Beim Aufstieg kamen wir in der ziemlich dampfigen Luft ganz gut ins Schwitzen. La Morera unter uns war hinter den Steineichen und Felsbrocken bald nicht mehr zu sehen, dafür tauchten aus den aufreißenden Wolken über uns plötzlich gewaltige ockergelbe Felswände auf, ein beeindruckender Anblick. Durch ein Dickicht aus Steineichen kamen wir zum Wandfuß, schlängelten uns mit dem Pfädchen darum herum und dann in einem Spalt, „Grau de l’Agnet“ genannt, nach oben. Die Wolken hatten sich weitgehend verzogen und als wir auf dem Plateau ankamen, öffnete sich vor uns ein Weitblick über karge Hügel und Senken, der mein Herz hüpfen ließ – mir kann es ja gar nicht karg genug sein und in dieser graugrünen Weite aus Fels und Steineichen fühlte ich mich sofort zuhause.
Wir erstiegen die nächstgelegene Randkuppe und staunten eine Weile sowohl in die Tiefe hinunter, aus der wir aufgestiegen waren, als auch in die schier endlose Felswildnis auf dem Plateau. So öde die Vegetation dort auf den ersten Blick scheinen mag, so unglaublich reich ist sie tatsächlich: Thymian blühte in dicken Büscheln, zwischen niedrigem Wacholder und duftenden Rosmarinsträuchern leuchteten zierliche Felsenbirnen mit ihren filigranen weißen Blüten. Ginster setzte kräftiggelbe Akzente und die schlanken Kerzen des Affodils mischten sich überall dazwischen. Auch hier oben fanden sich Wildtulpen; in der warmen Sonne öffneten sich ihre eleganten Blüten. Während ich all diese Schätze fotografierte (und beschnupperte) und Christa geduldig die Schritte verlangsamte, stieß ich auf weitere unglaubliche Kostbarkeiten: Winzige Felsennarzissen, entzückend in ihrer Kleinheit, und Schachbrettblumen in Tarnfarbe, die ich zuerst gar nicht gesehen hatte. Ich war absolut hingerissen und hatte dort oben mein Eldorado gefunden, zumal mich die Landschaftsform und Weite begeisterten. Ich fürchte, ich war kaum vorwärts zu kriegen und hätte durchaus nichts dagegen gehabt, dort ein bisschen verloren zu gehen.
Was einem im Nebel tatsächlich leicht passieren kann – die Wegmarkierungen sind nicht allzu üppig und es gibt reichlich abzweigende Pfade gänzlich ohne Markierungen, so dass man im Null-Sicht-Fall schnell eine falsche Richtung erwischt – und das Gelände ist riesig!

Uns aber lachte die Sonne, und wenn auch die Orientierung an Kreuzungen nicht immer so ganz eindeutig war, nahmen wir doch zielsicher den Rückweg durch den Grau de la Grallera und fanden uns bald wieder am Fuß der fantastischen Felswand.